Delay
Scheppernd erklingt die Stimme im Lautsprecher. Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung. Auf dem Bahnsteig stehen Reisende wie ich, ihre Koffer neben sich, schön aufgereiht. Schauen hinaus auf die Gleise, wo regenschwere Schneeflocken herunterstürzen wie tote Tauben.
Ich habe den Fahrschein Monate zuvor gekauft. Ich habe immer davon geträumt, auf diesen Zug zu steigen. Kannte den Fahrplan auswendig, Jahre zuvor. Er wird mich fort bringen. Fort von hier.
Der Junge neben mir hat kein Gepäck. Nur im T-Shirt steht er da, trotz des nasskalten Wetters. Schaut hinaus in die Dunkelheit und reibt sich die Arme.
Eine Dummheit, nur mit einem T-Shirt bei dieser Kälte draussen zu stehen, denke ich. Kein Wunder, fröstelt er, denke ich. Kein Wunder, muss er sich die Arme warm reiben, denke ich. Idiotisch. Er wendet seinen Kopf und sieht mich an. Ein offenes Gesicht unter hellblonden Haaren. Ertappt blicke ich zu Boden, hinaus auf die Gleise. Vielleicht holt er bloss jemanden ab. Hat nicht mit der Verspätung gerechnet.
Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie er sich weiterhin die Arme reibt. Der Zug sollte schon längst da sein. Auf seinen Armen bilden sich rote Striemen, und er reibt weiter, nein, er zieht seine Fingernägel über die Adern, immer und immer wieder, bis die Haut aufspringt und das Blut hervorzuquellen beginnt, und er hört nicht auf, er macht die Wunden nur noch grösser, während er hinauf in das Schneegestöber sieht.
Da fährt der grosse schwarze Zug ein, ein schnaubendes Ungetüm aus Stahl und Chrom, dessen quietschende Bremsen jeden anderen Laut übertönen. Das Blut fliesst ihm über die Arme, über die Hand und sammelt sich an den Fingerspitzen, wo es in grossen, dicken Tropfen zu Boden fällt. Eine Lache formt sich. Er wendet sich mir zu, lächelt mich an, ein strahlendes Lächeln. «Es ist nichts», sagt er. «Nichts. Dein Zug wartet».
Um uns herum strömen Leute. Sie zerren ihr Gepäck an halb zerrissenen Riemen hinter sich her, sie stossen es vor sich hin, sie buckeln es auf den Rücken, um unter dessen Gewicht fast zusammenzubrechen. Sie laufen um uns herum. Sie treten nicht in die Lache aus Blut.
Er sieht mich an mit seinen klarblauen Augen. Er lächelt. Noch immer zieht er seine Nägel durch die blutigen Striemen. Nachlässig, als wäre er sich dessen gar nicht bewusst. Das Blut dringt in Stössen zwischen den Fleischfetzen hervor.
Der Schaffner pfeift zur Abfahrt. Ich nehme den Koffer, wuchte ihn durch die nächste Türe und steige auf, während sich die Türen hinter mir verschliessen. Ich schaue aus dem Fenster, und sehe den Jungen zu mir hoch blicken, eine hell leuchtende Gestalt in einem glitzerndem See aus seinem eigenen Blut. Ruckelnd beginnt der Zug seine Reise. Er sieht mir nach, und lächelt.
[Nach einer etwa dreizeiligen Notiz in meinem Moleskine.]
