2008-01-26T15:00

Fortsetzung folgt

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Der folgende Artikel wurde für das Magazin ensuite geschrieben. Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Januar 2008 unter dem Titel «Absolut Züri – Der Wahnsinn hat System». Er ist hier zu archivarischen Zwecken.

Fortsetzung folgt

Es gibt gewisse Zeiten an gewissen Tagen, an denen man gar nicht erst versuchen muss, mit jemandem etwas abzumachen. Jeder wird absagen – schliesslich läuft dann gerade die neuste Folge dieser Serie aus den Vereinigten Staaten, die man auf keinen Fall verpassen darf. Wie würde man denn sonst dastehen am nächsten Morgen in der Kaffeepause, ganz ohne zu wissen, welche der Figuren nun einen Unfall mit anschliessendem Gedächtnisverlust erlitten hat, um die On-Off-Beziehung mit dem weiblichen Hauptcharakter eine weitere Staffel zu verlängern?

Nachdem Reality-TV zu einem Sumpf unerträglicher Belanglosigkeiten geworden ist, scheinen sich die Zuschauer wieder den Fortsetzungsgeschichten zugewandt zu haben. Die mögen zwar genau so belanglos sein, aber wenigstens haben sie einen dramaturgischen Bogen, sind besser geschrieben und spielen nicht in Containern, sondern in porentief reinen, übersaturierten Parallelrealitäten, in der selbst schmutzige Geheimnisse strahlen als kämen sie aus einer Putzmittelwerbung.

Das zu parodieren mag für das Theater verlockend sein. Doch selten geht es weiter, als diese überhöhten Welten und ihren oberflächlichen Glanz zu überzeichnen. Die den Serien eigenen Strukturen werden kaum übernommen. Schliesslich hat ein Theaterstück nach spätestens zwei Stunden zu Ende zu sein. Fortsetzungsgeschichten zu schreiben muss da fehl am Platz sein.

Umso ambitionierter muss deshalb das Projekt von Andreas Stadler anmuten, eine echte Serie auf die Bühne zu bringen. Die Staffel wird zwar nur acht Folgen haben, doch angesichts der Tatsache, dass jede dieser Folgen mehrmals vorgeführt wird, jede Folge an einer neuen Spielstätte gezeigt wird und jede Dernière jeder Folge mit einer Party an ebenjener Location abgeschlossen wird, deren Eintritt für die Besucher der zugehörigen Folge frei ist, und das auch noch von Dezember 2007 bis Mai 2008 – dann ist man verlockt, in der zurückhaltenden Schweiz ganz einfach von Grössenwahnsinn zu sprechen.

Doch der Wahnsinn hat System – und nicht nur die Unterstützung der verschiedenen Spielorte, unter denen nicht nur die Theater der freien Szene in Zürich wie etwa das Theaterhaus Gessnerallee, das Theater am Neumarkt oder das Theater an der Winkelwiese sind, sondern auch ausgefallenere Spielorte wie das Kaufleuten oder das Migros-Restaurant Limmatplatz. Auch Stadt und Kanton Zürich waren angetan von dieser Tour durch die Szene und unterstützen das Projekt dementsprechend.

Die heimliche Hauptrolle spielt die Stadt Zürich selber. Als eines der musikalischen Zentren der Techno-Generation hat sie sich aus dem Image des Provinznests heraufgearbeitet – auch welche Weise auch immer. Man trifft denn auch die Leute an, für die die Stadt während der Neunzigern Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens war; und die nun plötzlich mit Vierzig aus den Clubs ans Sonnenlicht stolpern, sich die Augen reiben und merken, dass da draussen das Leben auch ohne sie weiter gegangen ist. Haben sie nun etwas verpasst? Oder alle anderen? Was macht man, wenn man an sich an den Parties plötzlich wie ein Opa, eine Oma fühlt? Nicht mehr hingehen? Eine Familie gründen und in ein Einfamilienhäuschen in Suburbia kaufen? Mehr Botox spritzen?

Die Figuren sind ein Versuch, einen Querschnitt durch die Zürcher Technoszene der Neunziger zu ziehen. Da ist Claudia, die von all den immer vorhandenen Aussteigerwünschen mit einem Guest House in Brasilien am nächsten gekommen ist, aber nun wieder zurück in der Schweiz ist. Helena sieht sich als Künstlerin, muss sich aber mit der Zeit eingestehen, dass der erhoffte Erfolg ausbleibt. Vielleicht gäbe es aber noch ein Werk, dessen Verwirklichung sich lohnen würde: ein Kind – doch wer soll der Vater sein? Vielleicht Roli, der zu jeder Zeit an irgend einer wahnsinnig spannenden Business-Idee arbeitet, dabei möchte er aber nur eines: Geld haben, eine Wahlfamilie und zusammen alt werden. Bleibt noch Beat, der Lebemann, dem zu jeder Zeit jeweils der richtige Job und/oder der richtige Mann in den Schoss fiel und der sich nun in den etwas biederen, aber erfolgreichen Bankkaufmann Luca verliebt hat und sich fragt, ob er gemessen an dessen Erfolg nicht doch etwas verpasst hat – während sich Luca, der erfolgreiche und von allen heimlich beneidete genau dasselbe auch fragt.

Sie alle waren vor etwas mehr als zehn Jahren teil der Global Family, die glaubten, dass Music […] The Key sei. Der Weltfrieden — PEACE! — musste gerade um die Ecke sein, genauso wie Love, Freedom, Tolerance und Respect, denn zu jener Zeit war Today Tomorrow. Sie haben sich geliebt und gehasst, sich gestritten und wieder versöhnt. Jetzt wird weiter gefeiert. Wenn auch in anderen Umständen — in manchen Fällen.

Absolut Züri begibt sich auf eine Gratwanderung – soviel ist klar. Kann die überhöhte Form der TV-Serie mit ihrer Melodramatik auf die Bühne gebracht werden, ohne dass dabei die Figuren lächerlich gemacht werden? Für Andreas Stadler, den Initiator des Projekts, ist klar, dass man ganz bewusst nicht billig sein will und statt dessen die Figuren ernst nimmt. Lieber sieht er es als schwarze Komödie, die zwar durchaus den Boulevard wieder auf die Bühne bringt, aber vermeidet, miefig zu sein.

Geschrieben wurden die Folgen von 3 Theaterautoren unter der Leitung von Patrick Schuckmann, einem erfahrenen TV-Serien-Autor. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen und können auch ohne Vorwissen genossen werden. Natürlich wird es auch in jeder Folge einen neuen Special Guest geben.

Der Erfolg der ersten Aufführungen scheint den Machern auf jeden Fall recht zu geben. Ein Versuch, an eine der ersten Vorstellungen zu kommen, scheiterte für den Autor an der Abendkasse – alles ausverkauft. Es wird sich empfehlen, sich für kommenden Folgen Plätze reservieren zu lassen, will man keine verpassen. Eine DVD-Box ist bis jetzt leider noch nicht angekündigt worden, und ein Torrent hat es auch nicht aufs Internet geschafft. Ein weiterer Abend also, an dem man nichts abmachen sollte – ausser gemütliches, gemeinsames Serien-Schauen.

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