2008-01-26T14:55

Domestic Disturbances

Der folgende Artikel wurde für das Magazin ensuite geschrieben. Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Januar 2008 unter dem Titel «Blick hinter verschlossene Mietwohnungstüren». Er ist hier zu archivarischen Zwecken.

Domestic Disturbances

Bitte nicht stören: Das Schauspielhaus Zürich inszeniert Anja Hillings Mein junges idiotisches Herz. Ein Stück über die Distanzen, die sich zwischen den dünnen Wänden angrenzender Mietwohnungen auftun können.

Um drei soll alles vorbei sein. Pünktlich. Man ist schliesslich ordentlich. Man hat das rote, das schöne Kleid angezogen, Rouge auf den Wangen, das Telefonkabel durchschnitten und um drei, pünktlich, da kommt Miroslav mit den Fruchtsäften, und sie wird ihn sehen, der letzte Augenblick in ihrem Leben, eine schöne Erinnerung im Hauslieferdienst.

Karin Schlüter hatte ihren Selbstmord so schön geplant, doch irgendwie läuft alles schief, plötzlich platzen alle möglichen Nachbarn des Mietshauses in ihre Wohnung: der Postbote, der ein Paket abgibt für den Nachbarn, der nicht da ist, der Hauswart, der den Abfluss reparieren will, der Nachbar, der das Paket abholen will, und schlussendlich Miroslav selber. Doch zuviel ist schief gegangen, so kann sie sich nicht verabschieden. Lieber lebt sie weiter, als dass ihr Suizid verdorben wird von ihren Nachbarn, die achtlos durch ihre Wohnung trampeln.

In Anja Hillings Theaterstück Mein junges idiotisches Herz leben alle Protagonisten am Rande des Nervenzusammenbruchs. Lauter kleine post-apokalyptische Visionen. Trümmerfrauen und -männer in den Ruinen ihrer eigenen Existenz.

Der Postbote Ludger Hase, der sich während eines Rock-Open-Airs in eine Frau verliebt hat, und die nun bloss zu Hause sitzt und Puzzles macht, eines nach dem andern, die Musik von einst bloss eine Erinnerung.

Paula Lachmär, die vor der Erinnerung zu fliehen versucht und sich selbst einsperrt in einer Welt ohne Sprache, dafür mit Gulaschsuppe, die sie jeden Tag kocht, immer für zwei Personen, und von der sie jeweils die Hälfte wieder wegwerfen muss. Die den Weg von ihrer Wohnung zur Müllsammelstelle nur zurücklegen kann, indem sie vorgibt, Musik zu hören, damit sie mit niemanden reden muss, bis sie auf den Postboten trifft, der in ihr seine Liebe von einst wieder zu erkennen scheint.

Der Hauswart Eugen Zarter, der eine Affaire mit dem Käsehändler beginnt, aber dabei seine Exfrau nicht vergessen kann, die ihn aus einem Ferienfoto ihn der Küche zu beobachten scheint.

Selbst der Fruchtsaftlieferant Miroslav Vulic, die Nabelschnur zur Aussenwelt, hadert mit der Bulimie seiner Freundin.

Sie alle sind in ihren kleinen Wohnungen schockgefrostet, die Mietskaserne ein Eispalast, der von der Autorin zerschlagen wird, um die selbe Geschichte in immer neuen Splittern reflektieren zu lassen. Sechs Mal die gleichen Ereignisse aus der Sicht von sechs Personen: das macht klar, wie sehr die Figuren in ihren jeweiligen kleinen Mietwohnungen gefangen sind. Sie mögen an den Türen der anderen klopfen, weil sie das Paket möchten, das an sie zurückgesandt wurde, weil es von der Decke tropft, weil sie den Fruchtsaft liefern möchten – in Tat und Wahrheit sind sie immer bei sich selbst und ringen mit sich.

Dialoge sind kaum mehr als parallel geführte Monologe. So verflüchtigt sich der Begriff der Wahrheit nach und nach; was bleibt, sind die subjektiven Interpretationen der Protagonisten, die sich ihre eigenen Realitäten konstruieren, in die sie sich verstricken wie in Kokons.

Anja Hilling ist eine Abgängerin des Studiengangs «Szenisches Schreiben» an der Universität der Künste Berlin. Mein junges idiotisches Herz, nach Sterne ihr zweites Stück, ist noch während ihres Studiums enstanden. Gerade mal 8 Stücke gibt es seit 2002 von ihr – etwas mehr als ein Stück pro Jahr also. Wenn man ihre Texte liest, so merkt man, wieso: sie bedient sich der Sprache sehr bewusst, sehr gezielt, alles Überflüssige wurde entfernt.

«Keine Adjektive mehr. Adjektive sind was für Lebenskauer», sagt eine Figur im Stück schon ganz zu Beginn. Ein programmatische Aussage, die für den Text selber spricht, der mehr auslässt als er ausspricht. Anja Hilling fasst die Ausweglosigkeit in eine Kunstsprache, die nackt und roh wirkt. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Diese sorgfältige Arbeit wurde belohnt: 2005 wurde sie von theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gekürt. Nachdem Mein junges idiotisches Herz in der Schweiz schon als Hörspielproduktion zu hören war, wird es nun von Jan Stephan Schmieding am Schauspielhaus Zürich inszeniert.

Die Kirsche auf dem Eisbecher ist der Titel des Stückes selber: Mein junges idiotisches Herz – eine Übersetzung von My Young And Foolish Heart von Doris Day. Doch die zuckersüsse, pastellfarbene Welt Days hat längst Karies angesetzt. Das Stück ist ein Blick hinter verschlossene Mietwohnungstüren in Abgründe, in die sich auch Desperate Housewives nicht wagt.

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