Selling Dreams
Es gibt Fälle, wo es nicht ganz einfach ist, die gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Man hat schliesslich schon viel über die Produktion gehört, einen Text darüber geschrieben – in der Tat mag man das Konzept so sehr, dass man schon kräftig Vorschusslorbeeren ausgeschüttet hat. Doch sind die auch berechtigt? Besteht nicht die Gefahr, dass das Resultat schlussendlich doch nicht so interessant ist wie sich das der rasende Reporter vorgestellt hat? Dass das, was als Konzept so grossartig geklungen hat, dann eben doch nicht mehr ist als ein Kratzen an der Oberfläche, mit schön lackierten Fingernägeln zwar, aber eben …
Wer noch vor hat, Nothing Company von Far A Day Cage zu sehen, sollte hier besser aufhören zu lesen, und sich statt dessen die Vorschau zu Gemüte führen. Denn jetzt kommen die Spoiler – doch soviel sei gewiss: Man kann solche Erwartungen erfüllen.
Far A Day Cage gelingt dies so spielend(erweise), dass man verlockt ist, «Yahoo!» zu brüllen, und «I Love This Company!». Denn was sie mit Nothing Company auf die Bühne bringen ist der Beweis, dass diese Theatergruppe das Internet nicht nur als fremdes, eigenartiges Phänomen für suizidgefährdete Jugendliche sieht, sondern dessen Mechanismen wirklich versteht – und es dann auch noch schafft, dies für die Bühne zu adaptieren, und zwar mit äusserst erheiternden Resultaten.
Zumindest vordergründig – denn die komische Fassade ist hauchdünn, und was im Kontext der Bühne Lacher generiert, kann nur zu oft im Internet gefunden werden, und dort ist es dann ernst gemeint. Oder noch gemeiner: man erkennt sich selber wieder.
Gekonnt transportiert Far A Day Cage die schillernde Zwischenwelt des Internets auf die Bühne. Real, halbreal, irreal, surreal – scheissegal. Nichts ist sicher hier. Mittels eines über Kopfhörer eingespielten Audiokommentars über das Stück wird einem «echtes Schauspielerleben» vorgegaukelt, dass sich dann doch wieder als Fiktion erweist. Ist der technikversessene Bühnenbildner nun wirklich der Bühnenbildner, oder bloss ein Schauspieler, der den Bühnenbildner spielt?
So jongliert sich der Abend durch alle möglichen Ebenen, und hakt dabei alle möglichen internet-/pop-kulturellen Referenzen ab? Monkeyboy? Check. Der IT-Guy, dem sämtliche Social Skills fehlen? Check. Die Bohémienne Digitale? Check. AJAX, flickr, Web2.0, Twitter? Check. Networking? Check. Cubicle Labyrint? Check. Und das ganze wird dann nicht nur parodiert, sondern auch integriert. Die Nothing Company hat sich selbst ihr Eckchen im Internet geschaffen:
Der Schluss, der wunderbare Monolog, der das Stück abschliesst, mit so bewegenden Worten, der den Zuschauern Mut zuspricht, ihre Welt zu verändern – stellt sich schlussendlich als Adidas-Werbespot heraus. Eine Vision, ein Traum, erfunden, um ein Produkt zu verkaufen, das sich in keiner Weise von tausenden anderen unterscheidet. Uns wird Nothing schon jeden Tag verkauft.
Nothing Company ist der Beweis, dass politisches Theater nicht tot ist, sondern bloss mit der richtigen Portion (Selbst-)Ironie serviert werden muss. Die Diskussionen, die nach dem Stück in der Lobby zu hören waren, erlauben es einen, für einmal den Lokal-Journalismus-Cliché-Satz zu verwenden: Das Stück regt zum Nachdenken an. Und das ganz ohne Moralfinger.