2007-11-15T10:39

Bitgespinste

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Der folgende Artikel wurde für das Magazin ensuite geschrieben. Der Artikel erschien in der Ausgabe vom November 2007. Er ist hier zu archivarischen Zwecken.

Bitgespinste

Anhand einer Firma an der Schnittstelle von Realität und Fiktion macht sich die Theatergruppe Far A Day Cage auf, den Kapitalismus nach dem Kapitalismus zu erforschen.

Du hast eine Idee? Dann mach eine Website draus, deklariere sie als «Beta» (weil sie ja irgendwann noch viel besser werden kann) und warte darauf, dass Microsoft, Yahoo oder Google sie aufkauft. Und wenn man keine Idee hat, kopiert man einfach die Idee eines anderen, und lässt dann im Firmennamen ein paar Vokale falln, um sich so vn dr Knkurrnz abzuheben. Ob diese Websites auch Geld abwerfen oder nicht, spielt keine Rolle: es könnte ja the next big thing sein. So funktioniert heutzutage Wirtschaft — zumindest im Internet. Da entstehen in kürzester Zeit Firmen mit hunderten Mitarbeitern, die viel Geld zur Verfügung haben. Doch was machen sie damit? Was machen sie überhaupt? Am I really here or is it just marketing?

«Nothing Company» ist ein Spiel. Ein Spiel mit Realität und Fiktion, ein Spiel mit der Fassade von Marketing und Werbung und dem, was dahinter wirklich existiert. Nichts, wie der Name vermuten lässt? Nicht notwendigerweise, denn die Nothing Company hat einen Laden, den X Store (der in Fribourg vom 30. Juni bis 3. Juli geöffnet war) und eine eigene Website – was deutlich mehr ist, als die meisten fiktiven Firmen von sich behaupten können.

Hinter dem Blendwerk der Brand «Nothing Company» macht sich die Zürcher Theatergruppe Far A Day Cage auf die Suche nach dem Post-Kapitalismus. Wenn wir davon ausgehen, dass der Kapitalismus nur ein Modell unter vielen ist, das irgendeinmal nicht mehr funktionieren kann – was folgt dann? Die Gruppe nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zwischen Google-Ethik und Guerilla-Marketing hinein in eine Utopie, die sich als Labyrinth aus Fiktions- und Realitätsebenen, als Ritt durch Theater, Meta- und Meta-Meta-Theater herausstellt. «Kapitalismus ist ein komplexes Thema», erklärt Tomas Schweigen, der Regisseur von «Nothing Company». «Wir versuchen, diese Komplexität auf der Bühne zu simulieren, und beim Zuschauer einen Overkill mit versteckten und offensichtlichen Informationen zu verursachen. Als roter Faden dient deshalb ein Audiokommentar von Laura de Weck, der das Ganze wieder konsumierbar machen soll.»

Far A Day Cage, das geistige Kind von Tomas Schweigen und Vera von Gunten, beides ehemalige Studenten der HMT Zürich, hat sich in den drei Jahren seiner Existenz einen Namen gemacht – vor allem mit Produktionen, die Grenzgänge zwischen klassischem Theater, Performances und zwischendurch sogar Hörspielen sind. Immer wieder wird dabei auch der Prozess des Theatermachens auf der Bühne reflektiert. Eine weitere Fassade also, die durchbrochen wird. Für Tomas Schweigen ist es wichtig, den Zuschauer nicht aus den Augen zu verlieren. Selbst wenn Far A Day Cage ernste gesellschaftspolitische Themen aufgreift, muss ein bisschen Spass erlaubt sein – ohne eine gehörige Portion Ironie geht nichts.

«Nothing Company» bildet den Abschluss der «Utopie-Trilogie» von Far A Day Cage, der «GANG BANG. Eine Betriebsanleitung für erfolgreiches Arbeiten im Kollektiv» und «Salon Utopica» vorausgegangen sind. Die Recherchen für das erste Stück ergab so viel Material, dass sich Far A Day Cage entschloss, dieses in weiteren Produktionen zu verarbeiten. Selbst jetzt, während der Proben zu «Nothing Company», finden sich weitere Ideen, die aufgenommen werden wollen. Far A Day Cage liefern an der Première kein Produkt ab, das in den folgenden Aufführungen bloss wiederholt wird. Stattdessen versucht Regisseur Tomas Schweigen weiterhin dabeizusein, auf die Publikumsreaktionen einzugehen, Szenen zu perfektionieren und neues Recherchematerial einzubauen. Gut möglich, dass die Versionen von «Nothing Company», die später in Wien und Berlin zu sehen sein werden, sich von der Premièrenaufführung am 15. November im Theaterhaus Gessnerallee unterscheiden. Theater als eine Public Beta, sozusagen.

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Comments

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One Comment for «Bitgespinste»

  1. xeophin.tapestry » Blog Archive » Selling Dreams writes ():

    [...] gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Man hat schliesslich schon viel über die Produktion gehört, einen Text darüber geschrieben – in der Tat mag man das Konzept so sehr, dass man schon kräftig Vorschusslorbeeren [...]

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