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Auf der Suche nach sich selbst

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Der folgende Artikel wurde für das Magazin ensuite geschrieben. Der Artikel erschien in der Ausgabe vom Oktober 2007. Er ist hier zu archivarischen Zwecken.

Auf der Suche nach sich selbst

Werner Düggelin inszeniert Molières «Don Juan» am Schauspielhaus Zürich: Ein Klassiker in vieler Hinsicht.

Wer wünschte sich nicht von Zeit zu Zeit, sich aus dem Korsett der gesellschaftlichen Konventionen zu befreien, sich alles erlauben zu dürfen und sich all diese Freiheiten zu nehmen, die einen ansonsten verboten sind? Die Schablone der (scheinbaren) Erfüllung dieses Wunsches ist schon seit Jahrhunderten Don Juan. Der junge Adlige entführt zuerst Elvira aus dem Kloster und heiratet sie, wird ihr aber schnell überdrüssig und verlässt sie. Stattdessen macht er den Bäuerinnen Charlotte und Mathurine den Hof und spielt sie letzten Endes gegeneinander aus. Er verspottet Gläubige wie Gläubiger, er schlägt die Warnungen seines Vaters vor dem Strafgericht Gottes in den Wind – und heuchelt gleich danach Umkehr zur Frömmigkeit, um sich bei ihm wieder gut zu stellen. Doch die Strafe bleibt nicht aus, als er so weit geht, die steinerne Statue eines von ihm im Duell erstochenen Kompturs zum Nachtessen einzuladen. Denn zur angegebenen Stunde erscheint die Statue in der Tat …

Der Stoff des unverbesserlichen Frauenhelden, dessen Ausschweifungen und Untreue ihn schlussendlich unter Blitz und (Theater-)Donner in die Hölle bringen, ist sogar älter als die Faust-Saga und hat die Fantasie verschiedenster Autoren immer wieder von neuem angeregt: von Corneille und Goldoni über Mozart, E.T.A. Hoffmann, Richard Strauss bis Peter Handke haben sich alle diesem Stoff angenommen und auf ihre Weise gedeutet, bearbeitet und neu erzählt.

Der Freigeist, der sich allen Warnung zum Trotz nicht fürchtet, Tod und Teufel herauszufordern, sorgte schon 1665 bei der Uraufführung des Prosastücks von Molière für Aufruhr am französischen Hof. Der offensichtlich gegen Religion und das heilige Sakrament der Ehe verstossende Frauenheld Don Juan ist von Molière in keiner Weise als rein negative Figur gezeichnet, wie man eigentlich erwarten müsste. Zwar wurde das Stück mit der Billigung des Königs in zensierter Form für fünfzehn Male aufgeführt – danach verschwand es aber für lange Zeit von sämtlichen Spielplänen. Es ist denn auch genau diese Vielschichtigkeit der Figur des Don Juans, die den Regisseur Werner Düggelin herausgefordert hat, das Stück auf die Zürcher Pfauenbühne zu bringen. Werner Düggelin ist in Zürich kein Unbekannter, hat ihn seine über 50-jährige Karriere doch immer wieder an das Schauspielhaus gebracht. Erst letzte Saison hatte der Schweizer Regie-Altmeister für die Pfauenbühne Oscar Wildes absurde Komödie «Bunbury» als leichtfüssiges Pointenfeuerwerk inszeniert.

Für den «Don Juan» wird er das in «Bunbury» angeschlagene Tempo kaum verringern. Wie schon in «Bunbury» geht es in «Don Juan» um den Umgang mit gesellschaftlichen Konventionen. Doch während in Oscar Wildes Komödie diese von den beiden Hauptfiguren lustvoll uminterpretiert werden und den eigenen Zwecken angepasst werden, geht Don Juan auf Frontalkurs dazu. Mit einer eigens angefertigten deutschen Fassung des Textes versucht Werner Düggelin in rasanten Wortwechseln das Wesen Don Juans zu ergründen und sich auf die Spur von dessen Beweggründen zu machen. Don Juan als Frauenheld? Düggelin verneint vehement. Für Düggelin ist dieser nicht nur ein Mann, der sich einfach seine Freiheiten nimmt, sondern vielmehr ein von Freiheitswahn Getriebener. Dieser Freiheitswahn verunmöglicht es ihm, sich seiner Liebe zu stellen – zu schwer würde der Verlust der eigenen Freiheit wiegen. Genausowenig sieht er in der Figur den Atheisten. «Don Juan liegt in beständigem Kampf mit der Schöpfung. Das wäre gar nicht möglich, wenn er nicht an eben jene Schöpfung glauben würde.» Don Juans scheinbare Umkehr zur Frömmigkeit ist laut Düggelin dessen persönliche Katastrophe, an der er schlussendlich scheitert – realisiert er doch, dass er ohne diese Heuchelei schlussendlich keine Möglichkeit zu überleben hat.

Dass Werner Düggelin fähig ist, die verborgenen Wünsche, Ziele und Träume der Figuren, die er auf die Bühne stellt, offenzulegen, hat er schon in etlichen Inszenierungen unter Beweis gestellt. Die Première am 29. September auf der Pfauenbühne wird zeigen, was für unbekannte Seiten er bei Don Juan entdeckt hat. In der Rolle des Don Juan wird dabei Marcus Bluhm zu sehen sein, mit dem Werner Düggelin schon in Oscar Wildes «Bunbury» zusammengearbeitet hat. An Don Juans Seite spielt Johannes Zirner («Romeo und Julia») als dessen treuer Begleiter Sganarelle. Ebenfalls schon bei «Romeo und Julia» beteiligt war der Kampftrainer Klaus Figge. In dieser Produktion sorgt er nun für Don Juans Kampfkraft, die dieser benötigt, um sich in einigen Duellen seine Feinde vom Leibe zu halten. Das Publikum kann sich auf jeden Fall auf einige rasante Wort- und Degengefechte gefasst machen – und später auf mehr Molière: Im Dezember wird Matthias Hartmann den «Tartuffe» auf die Pfaubenbühne bringen.

Über Werner Düggelin

Werner Düggelin wurde am 7. Dezember 1929 in Siebnen (SZ) geboren. Während seines Studiums der Romanistik und Germanistik an der Universität Zürich nahm er einen Job als Beleuchter am Schauspielhaus an – und entdeckte so seine Faszination für das Theater. Auf den Rat von Leopold Lindtberg, als dessen Assistent er arbeitete, ging er 1951 nach Paris, wo er im Vorstadttheater Asnières seine eigene Theatercompagnie gründete. Die Erfahrungen, die er dort sammelte, machten ihn in der Folge zum ersten deutschsprachigen Regisseur, der Beckett, Ionesco, Camus, Genet und Claudel inszenierte.

Mit 25 wurde er in Darmstadt Regisseur, darauf folgten Theater- und Operninszenierungen an fast allen grossen Bühnen, vor allem aber immer auch wieder am Schauspielhaus Zürich, wo er 1966 Oberspielleiter wurde.

Von 1968–1975 war er künstlerischer Direktor am Theater Basel, das er während dieser Zeit zu einem führenden Haus im deutschsprachigen Raum machte. Seitdem arbeitet er als viel beachteter freier Regisseur in der Schweiz und Deutschland. Er wurde 1987 mit dem Hans-Reinhart-Ring sowie 1995 mit dem Basler Kunstpreis ausgezeichnet. Heute inszeniert er vor allem Klassiker. Am Zürcher Schauspielhaus war von ihm zuletzt Bunbury von «Oscar Wilde» zu sehen. Viel Beachtung fand auch seine Inszenierung von «Lieblingsmenschen» von Laura de Weck in der letzten Spielzeit am Theater Basel.

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