Taktik (2/2)
Previously on xeophin.tapestry. And now: the conclusion.
Mit zitternden Händen legt Valir den Brief auf den Tisch vor sich. Er fühlt sich, als habe er gerade einen Schlag in die Magengrube bekommen. Er könnte sich übergeben, doch gleichzeitig scheint ihm, als sei er bloss noch eine leere, tote Hülle. Ist er wirklich wach? Oder ist er einfach in einem Alptraum gefangen, einem Alptraum, der vor einem Vierteljahr in Baliho begonnen hat, und seitdem nur noch schlimmer geworden ist?
Sollte es ein Alptraum sein, so hat er nun das dringende Bedürfnis, daraus aufzuwachen. Doch eigentlich weiss er genau, dass er nicht träumt. Dass dieses einfache Papier in seiner Hand genau so real ist wie die graue, tote Einöde um Dragenfeld herum.
Ein graues, totes Stück Papier.
Nach der Akademie verlor Valir Iljana von Hainsate aus den Augen. Sie kam nicht aus seiner Gegend, und er fand keine Zeit dazu, sie zu besuchen. Er war sich auch nicht sicher, ob er überhaupt willkommen sein würde. Er war nicht eingeladen, und sich selber einladen kam ihm nicht in den Sinn – also liess er es bleiben.
Erst über 5 Jahre später sah er Iljana wieder. Es war im Heerlager zu Wehrheim, als er sie wieder traf – als Mitarbeiterin im strategischen Stab unter Marschall Helme Haffax. Im Kampf gegen die 1000 Oger, die gegen Gareth, die Kaiserstadt, geschickt wurden, war jede Hand nötig. Nicht dass ihn das verwunderte; strategische Planung war ihr Talent, und es konnte nicht lange gehen, bis es entdeckt wurde. Sie agierte geschickt und schnell, und sie fand die richtige Balance zwischen neuen, ungewöhnlichen Ideen und klassisch bewährten Manövern.
Es war ja auch nicht weiter erstaunlich, dass sich Valir in keiner Weise an diese Pläne hielt. Er hätte zugegebenermassen auch nicht die Möglichkeit gehabt. Zusammen mit Helmar Darmor von Perricum hatte er zuvor mehre Tage in der Wildnis verbracht und einige versprengte Oger verfolgt, die sie schlussendlich auf das Schlachtfeld an der Trollpforte führte. So kam es, dass sie von der Flanke her auf Helmars Streitwagen zu der Schlacht vorstiessen – gerade im richtigen Moment, um einem arg in Bedrängnis geratenen Delo von Gernotsborn aus der Patsche zu helfen.
Natürlich hatte Iljana schon zugetragen bekommen, was er getan hatte, und tadelte ihm zum Scherz – und Rahjan, der Lackaffe, musste natürlich gleich in die selbe Kerbe hauen, ohne zu merken, dass Iljana Valir bloss etwas aufziehen wollte. Hätte Valir es nicht schon hier bemerken sollen?
Was immer er auch hätte bemerken können: Valir bemerkte es nicht. Er fühlte sich in Iljanas Gegenwart bloss so, als hätte er etwas wiederbekommen, was ihm lange gefehlt hatte. Und dieses Gefühl stellte er nicht in Frage.
In der darauf folgenden Zeit bekamen sich Iljana und Valir immer öfters zu sehen, nicht zuletzt auch dank den Koordinationssitzungen der Grafschaft Eslamsgrund, an die Valir von seinem Vater abkommandiert wurde. Diese Treffen mit der pedantischen Efferdane von Ehrenstein waren wahrlich kein Zuckerschlecken – zumindest wurde das so gesagt. Denn Valir sah sich des Öftern dabei ertappt, wie er gedankenverloren die konzentrierte, schlanke Iljana beobachtete, und schon längst den Faden der Diskussion verloren hatte. Ganz ungelegen kam ihm das nicht, so hatte er zumindest einen Grund, um Iljana nach ihren Notizen zu fragen, damit er zuhause Bericht erstatten konnte.
Iljana gab ihm ihre Notizen bereitwillig; ohne Kommentar und nur mit dem leichtesten Lächeln auf den Lippen.
Sie liess es sich aber nicht nehmen, dafür bisweilen auch Gegenleistungen zu verlangen. Ein Essen im Vinsalter Garten etwa, einer gediegenen Taverne in Gareth. Oder der Besuch eines Theaterstücks. Ein Ausritt in die Hügel um Eslamsgrund herum.
Unmerklich hatte sich Valir verliebt. Verliebt nicht nur, weil sie schön anzusehen war, nein. Valir hatte sich in Iljana verliebt, weil sie etwas in ihm veränderte – und das tat niemand sonst. In ihrer Gegenwart stolperte er nicht länger über seine eigene Unsicherheit, sie gab ihm das Gefühl, das Richtige zu tun, und dass er nicht zögern musste, es zu tun.
Doch so sehr ihre Gegenwart ihn auch inspirieren mochte, eine Unsicherheit nahm sie ihm nicht, im Gegenteil. Würde sie ihn genauso lieben wie er sie? Sicher, sie war freundlich und nett zu ihm, doch war das nicht einfach ihr Wesen?
Er versuchte, es herauszufinden. Er machte ihr Komplimente. Sie lächelte, aber ging nicht darauf ein. Er liess Bemerkungen fallen, einige absichtlich, andere weniger. Sie lächelte, und ging nicht darauf ein.
Und Valir? Valir wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Und so wartete er ab.
«Ich liebe dich.»
Vielleicht wäre es so einfach gewesen.
Drei simple Worte, doch Valir brachte sie nicht über seine Lippen. Soviele Male hörte er sie, in den Erzählungen von Yasmina al Bezhran, der Händlerin und Geschichtenerzählerin, der er stundenlang gebannt lauschen konnte. In den Theaterstücken, die er sich zusammen mit Iljana in Gareth ansah.
Drei simple Worte. Doch immer, wenn er vor Iljana stand, ihr sanftes Gesicht sah, das ihn anlächelte, so räumte er sie wieder weg, irgendwo tief in sein Herz. Alt und ausgewaschen kamen sie ihm vor, zu simpel. Zu viele Leute hatten sie schon verwendet. Nicht fähig, all das zu umfassen und auszudrücken, was er für Iljana empfand.
Und so wartete er ab.
«Sie werden immer zu spät kommen, von Dyrandor, wenn sie warten!»
Wieviele Male hat seine Tutorin in Kriegskunst, Strategie & Taktik, Adelheid vor Hartengunst, ihm dies vorgeworfen? Valir weiss es nicht mehr. Es müssen unzählige Male sein. Es hat nicht gewirkt. Er war zu spät.
Nach all dem, was in Dragenfeld geschehen war. Ein einfacher Brief. Bloss ein einfacher Brief …
Als Leodan etwas später in Valirs Kammer tritt, findet er diese leer vor. Auf dem Tisch liegt nur ein Bogen Papier. Neugierig tritt er näher. Ein Brief, geschrieben in der runden Handschrift einer Frau.
Lieber Valir
Mit Freude möchten wir dir die feierliche Schliessung unseres Traviabundes am 20. Perraine 23 Hal ankündigen. Du und deine Familie sind herzlich eingeladen.
Gezeichnet
Iljana & Rahjan
Leodan blickt vom Brief auf. Ist nicht Valir immer mit Iljana zusammen gewesen? Wie eigenartig …
Und während er grübelnd aus dem Fenster blickt, sieht er einen Reiter über die Hügelkuppe verschwinden. Valir. Er könnte ihn immer erkennen an seinem Reitstil. Langsam legt er den Brief wieder zurück auf den Tisch. Er hat eine vage Vermutung, dass er Valir für die nächsten paar Tage nicht sehen wird. Und er wird ihn nicht tadeln, wenn er zurück kommt. Leodan kennt seinen Bruder gut genug. Valir hat sich schon immer in die Wälder zurückgezogen, mit seinem Pferd, um allein zu sein, wenn er wütend oder traurig war …
[...] To be continued … [...]