2007-08-15T2:00

Taktik (1/2)

«Ich warte ab und beobachte, was der Feind macht. Und wenn er etwas macht, was mir nicht gefällt, dann befehle ich den Angriff.»

Adelheid von Hartengunst, ihres Zeichens Tutorin für Kriegskunst, Strategie und Taktik am Haus der hohen Kriegskunst derer vom Berg in Eslamsgrund sah Valir auffordernd an, offensichtlich in Erwartung weiterer Ausführungen. Valir sah nicht ganz ein, was es denn da noch zu erklären gäbe, und blieb still, bis sich Frau von Hartengunsts Augenbraue bedrohlich zu heben begann.

«Von Dyrandor – damit werden sie immer zu spät kommen. Sie können nicht einfach auf den Feind warten. Sie müssen den ersten Schritt machen, wenn sie den Sieg erringen wollen. Ungenügend, setzen.»

Valir setzte sich schweigend. Er mochte dieses Fach einfach nicht, er verstand nicht, warum man sich so viel überlegen sollte, wenn es doch so einfach war: der Gegner auf der einen Seite, man selbst auf der anderen, und man versuchte zu gewinnen. Was sollten all die grossartigen Pläne und Überlegungen und Pläne? Schlussendlich würden sich der Gegner sowieso ganz anders verhalten, als man gedacht hat, und dann wäre die ganze Planung für nichts gewesen. Eigentlich fand Valir, dass das viel mehr Sinn machte, als all die verzwickten, verqueren Strategien von Rahjan, die jeweils von einer sehr langen, sehr dunklen Nacht auszugehen schienen, sehr viele schleichende Spähtrupps enthielte und meistens mit der lautlosen Auslöschung des Gegners im Morgengrauen endeten. Valir fand diese unnötig kompliziert und nicht gerade eben rondragefällig, aber er kam nicht umhin zuzugeben, dass Rahjan die besseren Noten hatte als er selber. Es verwunderte ihn deshalb nicht wirklich, als er aus Rahjans Ecke ein schadenfrohes Kichern hörte, als er sich setzte. Frau von Hartengunst schien es ebenfalls zu hören, und scheinbar war sie heute schlechter Laune — oder auch einfach schlechterer Laune, Valir konnte sich nicht erinnern, sie jemals besonders fröhlich gesehen zu haben – und sah Rahjan scharf an.

«Ihr Konzept, von Vallhjal, benötigt soviel Vorbereitungszeit, dass sie genauso spät kommen werden wie von Dyrandor. Sie können sich ihr Grinsen aus dem Gesicht wischen. Ihr Gegner wird nicht auf sie warten und ihnen den Vortritt lassen, so wie das von Dyrandor tut.»

Valir erlaubte sich ein kleines Grinsen. Wenigstens hatte Rahjan auch noch sein Fett weg bekommen.


Schon seit dem ersten Tag an der Akademie, als Rahjan Valir als «Bauernsohn» verhöhnte, waren die beiden erbitterte Gegner. Wo immer sie konnten, versuchten sie sich zu übertrumpfen und besser zu sein, als der jeweils andere. Die Lehrer der Akademie sahen das mit Wohlwollen – etwas gesunde Konkurrenz, so schien ihnen, war gut, um die Sinne der angehenden Krieger zu schärfen. Solange alles auch rondragefällig war, sah sich niemand gezwungen, einzugreifen. So sah sich Valir gezwungen, etwas gegen seine stetig fallenden Noten in Kriegskunst, Strategie & Taktik zu machen.

Pech war, dass ihm seine besten Freunde an der Akademie dabei nicht gerade sehr hilfreich waren. Kay war ein unbekümmerter Hitzkopf. Seine Pläne sahen kaum komplexer aus als Valirs, mit dem Unterschied, dass er sich einfach in die Schlacht warf und keineswegs abwartete. Solveig, die im Jahrgang über ihm war, sah es vornehmlich als sinnvoll an, einfach mehr von etwas zu haben als der Gegner: mehr Muskeln, mehr Truppen, mehr Geschütze, und dann würde der Sieg schon sicher sein.

Keiner dieser Pläne hielten dem strengen Auge Adelheid von Hartengunsts stand. Und ganz egal, wie verworren Rahjans Taktiken auch waren: sie schienen der Mittfünfzigerin einfach besser zu gefallen. Valir sass mit dem Papier mit dem vernichtenden Kommentar auf einem Stapel Holz hinter den Pferdeställen, wo er sich immer zurückzog, wenn er nachdenken wollte, als er plötzlich merkte, dass ihm jemand über die Schulter sah. Hastig verbarg er die Arbeit. Zu spät.

«Ich könnte dir helfen», sagte eine Stimme neben ihm. Er sah auf. Iljana von Hainsate lächlte ihn an.

Sie war ein Jahrgang unter ihm. Eine zierliche Person mit blitzenden, kornblumenblauen Augen unter einem blonden Pony.

«Ich bin nicht allzuschlecht in Strategie & Taktik …»

Valir wusste genau, dass das eine Untertreibung war. Iljana war blitzgescheit. Sie hatte in Duellen keine Mühe, körperlich kräftigere Gegner zu besiegen, indem sie geschickt taktierte und ihnen scheinbar immer zwei Schritte voraus war.

«Hast du daran gedacht, einige Onager an der Flanke aufzustellen?»

Valir erwiderte nichts. Das war ihm in der Tat nicht eingefallen, aber nun da sie es erwähnte, schien es ihm das natürlichste der Welt zu sein, an den Seiten auch noch Onager hinzustellen. Iljana wäre in der Tat die ideale Person, um ihm zu helfen. Selbst wenn sie ein Jahr jünger war – sie würde keine Mühe haben mit den Aufgaben seines Jahres. Das Problem war bloss, dass ihre Anwesenheit ihn verwirrte. Sie schien die eigenartige Fähigkeit zu haben, immer dort aufzutauchen, wo er sie nicht vermutete. Sie schien immer in seiner Nähe zu sein und ihm zuzusehen, ob er sich nun auf dem Übungsplatz duellierte oder sein Reittraining absolvierte. Valir wusste nicht genau, was er damit anfangen sollte, und das breite Grinsen Kays, das dieser hatte, als ihm Valir von seiner Beobachtung erzählte, machte die Sache nicht eben besser.

Sie stand immer noch vor ihm und lächelte ihn an. Valir räusperte sich. «Nun ja … vielleicht weisst du besser, wie man der Hartengunst gefallen kann.» Iljana lachte, ein kleines, perlend leichtes Lachen. «Glaub mir, es ist nicht so schwierig, wie du denkst. Zeig mir deine Arbeit, ich hab noch nicht fertig gelesen.» Zögernd reichte Valir ihr das nun schon etwas zerknitterte Papier. Iljana nahm es, und für einen kurzen Moment berührten sich ihre beiden Hände wie zufällig.

Täuschte es Valir, oder leuchtete ihr Gesicht wirklich mit diesem triumphierenden Gesichtsausdruck auf, den sie immer hatte, wenn sie einen dieser Wandschränke auf dem Duellplatz besiegt hatte?

To be continued …

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  1. xeophin.tapestry » Blog Archive » Taktik (2/2) writes ():

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