Historisch korrekt
Ich gebe es zu: ich bin ein schlechter Theaterwissenschaftsstudent. Wirklich. Anderthalb Monate in Galway – und erst heute (bzw. inzwischen schon gestern) bin ich ins Theater gegangen, um mir Translations von Brian Friel anzusehen.
Ich werde auf jeden Fall ein weiteres Mal gehen müssen, um meine These zu bestätigen, dass Theater in Galway, sagen wir mal, anderen Werten verpflichtet ist, als die (professionellen) Theater der Schweiz oder Deutschland.
Während in der Schweiz oder Deutschland praktisch jedes Stück durch den Fleischwolf gelassen wird, vielfältig (zer-)interpretiert und sogenannt modernisiert wird, um einen konstruktivistischen Bilderbogen auf die Bühne zu stellen, wurde in Translations mit historisch korrekten Kostümen, einem relativ detaillierten Bühnenbild und einen kaum bearbeiteten Stück gearbeitet.
Der Effekt war eigenartig. Zum einen hatte ich den Eindruck, dass etwas zu stark «geschauspielert» wurde – manche Gestik erinnerte mich ans Amateurtheater (was möglicherweise auch daran lag, dass mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler der Produktion noch in Ausbildung sind), möglicherweise liegt das aber auch an einer durch den Ort veränderten Optik meinerseits, dass ich hier so kritisch bin; zum anderen bekommt der Plot weit mehr Wichtigkeit, als das in den zerstückelten Bilderbögen der Fall sein kann.
Das Stück an sich spiegelt ein durchaus modernes Problem Irlands wieder: die Tatsache, dass Irland durch die Engländer okkupiert wurden und Englisch zu lernen hatten, so dass heute nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung des ursprünglichen Irischen mächtig ist – was, wie der Schweiz bezüglich des Rätoromanischen, staatliche Schutz- und Förderungsprogramme hervorgerufen hat. Auswirkungen kann man im täglichen Leben sehen: so sind etwa sämtliche Strassenschilder zweisprachig angeschrieben, ausserhalb der Städte oft sogar nur noch gälisch. Diese Situation wird praktisch eins zu eins im Stück repliziert: die englische Armee ist in Irland, um die Insel zu vermessen und die alten irischen – unaussprechbaren – Ortsnamen in anständiges Englisch zu übersetzen. Doch der damit betraute Soldat verliebt sich in die irische Sprache, die irische Landschaft sowie ein irisches Mädchen, und erkennt, dass die alten irischen Namen, mit denen oft alte Legenden verknüpft sind, eigentlich doch am besten sind.
So nett so gut. Ironie der Sache ist natürlich, dass das Stück ausser den irischen Ortsnamen komplett in englisch gehalten ist – was zwar mir zugute kam, aber die Hauptaussage des Stückes trotzdem komplett in die Leere laufen lässt …