«Marktbeherrschung ist guuut!»
Letzte Woche war ich an der Schlusssitzung der Vorlesung ‘Mediaplanung’ zugegen und kam in den Genuss einer illustren Gästeschar:
- Peter Schellenberg Radio Munot (ehem. Fernsehdirektor SRG)
- Matthias Lauterburg, Tele Bärn
- Hanspeter Spörri, Chefredaktor Bund
- Bernard Krättli, Verkaufsleiter BE1
Obwohl sich die Vorlesung um das Thema von Werbung und deren Schaltung in den elektronischen Medien drehte, blieb dieses spezifische Thema in der folgenden Diskussion unter den Teilnehmern (und ferner mit uns Studenten) eher im Hintergrund.
Das Highlight war der “Kampf” Lauterburgs (Mitgründer Radio extra Bern) mit dem BE1-Verkaufsleiter. Selbiger war nämlich der Überzeugung (und belegte dies mit wissenschaftlichen? Studien), dass ein Radio nur Musik zu liefern hätte. Sobald (Privat-)Radiohörer aber längere Zeit eine Sprachmoderation erdulden müssten, schalteten sie ihre Geräte ab. Dies rief sowohl Lauterburg als auch Matthias Steinmann (Professor, Dozent diese Vorlesung) auf den Plan, die den Privatradioler mehr oder weniger in Grund und Boden stampften.
Im Gegensatz zu Mario Aeby war ich zwar nicht in der Vorlesung – aber dass die Privat-Rundfunk-Leute von den Medienwissenschaftlern gerne in Grund und Boden gestampft werden, habe ich auch schon erfahren. Sie werden meist auch nicht ganz ohne Grund gestampft.
In meinem Fall wurde Marc Friedli gestampft. Als Gast war er in der Vorlesung «Medienpolitik»#[prüfung]. Wir hatte alle zwei Wochen einen anderen Gast – und von allen war er mit Abstand der unsympathischste. Sein Auftritt war in erster Linie eine Lobbying-Angelegenheit im Kampf für den unlimitierten Liberalismus in der Medienbranche.
[prüfung]: Für deren Prüfung ich im Moment eigentlich lernen sollte, und nicht Posts schreiben. Aber da dieser Post ja auch halb Vorbereitung ist …
Natürlich: Marc Friedli ist Geschäftsleiter von Radio extrabern und TeleBärn – die beide zu espace media, dem Berner Medienmogul gehören. espace hat sich in Vergangenheit vor allem damit hervorgetan, möglichst sämtliche Zeitungen der Region zu übernehmen und in charakterlose Kopfblätter der sonst schon rückgratlosen Berner Zeitung zu verwandeln. Die einzige Resistance – der Bund, ist schlussendlich, erdrückt durch so viel Marktmacht auf dem Werbemarkt (!) ebenfalls von espace übernommen worden. Mit erstaunlich wenig Widerstand, lieber gab man sich der Illusion eines «Berner Modells» hin. Ein Medienhaus, das zwei Zeitungen besitzt, deren Redaktionen in gegenseitiger Konkurrenz stehen – damit ist die Pluralität doch gewährleistet, nicht wahr? Friede, Freude, Eierkuchen?
Nicht so wirklich. Denn der Knackpunkt liegt (im Moment noch) nicht in den redaktionellen Erzeugnissen. Sondern in der Monopolstellung auf dem Anzeigenmarkt, der von espace ausgenutzt wird – so wie man das eben in der freien Marktwirtschaft so macht.
So wundert es denn nicht, dass er der Herr Friedli findet, dass man keine unsinnigen Anti-Monopol-Gesetze machen müssen. Ansonsten, so droht er mit dem ultimativen Totschlag-Argument, kämen nämlich die Ausländer. Die Ausländer kommen immer, wenn der Schweizer um sein Geld fürchtet …
Der journalistische Alltag zeige, dass die Medien von espace alle voneinander unabhängig seien, da würden keine Kampagnen gefahren, da würde niemand etwas verordnen. Nun ja, im Gesetz (dabei geht es vor allem auch um das neue RTVG) geht es ja auch nicht darum, was jetzt ist. Sondern, was sein könnte. Und was sein könnte, hat Berlusconi zur Genüge gezeigt.
Wer kann mir denn versichern, dass die espace media, das ewig hungrige Biest, nicht eines Tages entscheidet, statt für jedes Medium eine eigene Redaktion zu haben, nur noch ein grosses Redaktionspool zu haben#[redaktion], in dem die Berichte für alle Medien hergestellt werden? Wäre ich in Besitz eines Medienhauses, ich würde das sofort tun: denn was bringt es denn, eine Story fünf mal recherchieren zu lassen, wenn diese Arbeit einmal getan werden kann und danach nur noch an die verschiedenen Medien angepasst werden muss?
Natürlich würde damit über sämtliche Kanäle in der Region Bern die gleiche Information verteilt: von Meinungs- und Angebotsvielfalt könnte da, trotz verschiedener Medien, kaum mehr der Rede sein. Aber darum kann es einem Medienhaus kaum gehen: schliesslich geht es sowieso nicht um Information – sondern um Inhalte, die allein dazu da sind, die Seiten oder Zeiten zwischen den Werbeblöcken zu füllen. Idealistische Ziele sind bloss ein Überbleibsel der Französischen Revolution – ewiggestrig. Aufklärung! Die Menschen zu besseren Staatsbürgern machen! Wird ja alles von «den Öffentlich-Rechtlichen» gemacht. Soll sich die SRG drum kümmern …
[redaktion]: Wobei man interessanterweise sogar noch Leute einsparen könnte!
Dieselbe SRG, die sich nun bitteschön um den ganzen Rest kümmern soll, soll dies bitteschön auch mit weniger Geld machen. Meint Herr Friedli ebenfalls. In der Tat: die SRG bekommt viel Geld. Aber nicht ganz soviel, wie Herr Friedli behauptet (Prof. Trappel hat ihn hier nicht das einzige Mal korrigiert …). Und wenn er behauptet, einen zweiten französischen Fernseh-Sender brauche es nicht, noch weniger einen Tessiner, vergisst er, dass es hier nicht darum gehen kann, was wirtschaftlich ist und was nicht, sondern darum, dass nicht nur die Deutschschweiz alle Mätzchen bekommt, bloss weil es halt das grösste Gebiet ist. Die Idee der SRG ist, dass mit den Überschüssen der Deutschschweiz die Defizite der Welschen finanziert werden – und alle im Sinne des staatlichen Zusammenhalts den selben Service geboten bekommen. Das müsste ein ehemaliger SRG-Mitarbeiter eigentlich wissen.
Traurigerweise haben solche Lobbyisten unter den Parlamentariern Erfolg: so liegt im neuen RTVG «eine Gefährdung der Meinungs- und Angebotsvielfalt nur dann vor, wenn ein Programmveranstalter die marktbeherrschende Stellung missbraucht.» Wie ein Missbrauch aussieht, darüber schweigt sich das Gesetz aus. Ein Hund ohne Zähne: die Betroffenen, auf denen nun die Beweislast liegt, werden durch die marktbeherrschende Stellung des andern gar nicht die Mittel haben, einen solchen Prozess durchzuziehen.
espace bedankt sich und überzieht weiterhin das Mittelland wie ein Geschwür. Wenigstens hat der Herr Friedli in der Vorlesung etwas aufs Dach bekommen. Und sich vor versammelter Studentenschaft in Widersprüche verstrickt. Schön zu sehen, dass das den heftigsten Vertretern der freien Marktwirtschaft des öftern passiert. Scheint dann doch nicht so ausgereift, das Konzept …
Steinmann, Erfinder der ominösen Radio-Control-Uhr, aber auch des Telecontrol-Gerätes (für Studenten der Medienwissenschaften der Running Gag schlechthin, wird nämlich mindestens einmal pro Veranstaltung von ihm persönlich betont)
Und das kenne ich natürlich auch – in der obligatorischen Rezipientenforschungs-Vorlesung kann er es sogar zweimal mindestens pro Veranstaltung anmerken … *Augenverdreh*
Eigentlich hätte der Steinmann gar nicht so schlechte Themen – das Wirklichkeits-Transfer-Konzept wäre ja gar nicht so schlecht, was ich mitbekommen habe –, aber wenn er einen Assi dazu verdonnert, während der Vorlesung neben ihm am Laptop zu sitzen und auf Handzeichen die Leertaste zu drücken, damit die Powerpoint-Folie wechselt, weil Herr Steinmann das selber nicht kann oder sich zu gut ist oder was weiss ich, dann kann ich ihn irgendwie nicht wirklich ernst nehmen.
Und das fällt mir erst jetzt auf: ein weiterer Medienwissenschaftler aus Bern, der, welch ein Wunder, nicht nur weiss, was ein Blog ist, sondern auch einen schreibt!
Lange Zeit als Hirngespinst abgetan, haben sich nun erstaunlicherweise Beweise für die Existenz dieser Spezies gefunden!