2005-05-14T11:03

Kitchen Stories: Tafelsilber

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Dieser Text wurde 1999 geschrieben – gewisse stilistische Verfehlungen sollten also verziehen werden.

Anna hatte zuhinterst in ihrer Schublade das Silberbesteck. Sie gebraucht es nicht oft, denn sie hat einen Sinn fürs Praktische; Und Silberbesteck findet sie nun mal nicht praktisch. Sie weiss aber auch, was sich gehört, und es gehört sich, dass man das Silberbesteck nimmt, wenn die Grossmutter kommt; wäre das nicht gewesen, Anna hätte das Silberbesteck schon längst nicht mehr.

An Pfingsten war es wieder so weit, Grossmutter hatte sich mit ihrem Gefolge zum Essen angemeldet, und Anna begann notgedrungen in ihrer Schublade zu grübeln. Kaffeelöffel, Messer, Gabeln, Suppenlöffel, die langsam anliefen, doch das würde niemand merken, wenn sie während der Suppe ein interessantes Thema finden würde, um damit ihre Gäste zu unterhalten; und zu guter Letzt die Kuchengabeln — die Kuchengabeln —? Um die Kuchengabeln hatte es wie ein feines Netz aus Fäden, nicht viele, nur einige , dünn und leicht wie ein Windhauch, silbern schimmernd. Anna wischte die Fäden auf der ersten Gabel, die ihr in die Hand kam, weg. Sie fühlte nichts. Sie schaute ihre Hände an. Auch auf den Fingern waren keine Fäden. Anna wunderte sich — und begann zu überlegen. Hatte sie etwa eine Spinne in ihrer Schublade? Sie zog die Schublade aus der Kombination und räumte sie aus. Dort war nichts, was auf eine Spinne hingewiesen hätte. Sie untersuchte das restliche Silberbesteck. Um die Kaffeelöffel — nichts. Um die grossen Gabeln — nichts. Um die Messer — nichts. Um die Suppenlöffel — nichts. Anna schüttelte den Kopf. Sie begann, an den Kuchengabeln zu riechen, sie zu befühlen, ihre Oberfläche mit den silbernen Messern um Löffeln zu vergleichen. Vielleicht waren sie irgendwie anders als das restliche Besteck? Sie waren nicht anders. War dass Schimmel? Sie hatte die Kuchengabeln das letzte mal doch abgewaschen, oder? Beunruhigt liess sie das Silberbesteck auf der Ablage liegen, deckte den Tisch, mit den Sets, mit den Blumen, mit den Servietten, mit den Weingläsern, mit den Tellern — aber nicht mit dem Silberbesteck. Sondern mit dem, das sie sonst tagaus, tagein benützte.

Als die Grossmutter kam, taxierte sie das mit hochgezogenen Augenbrauen, und hoffte auf eine Erklärung; doch Anna sagte nichts. Sie wollte herausfinden, was mit den Kuchengabeln los war, sie hatte einige auf die Ablage gelegt, die eine Hälfte geputzt, die andere nicht, und den Rest hatte sie zurück in die Schublade getan. Auch dies sah die Grossmutter mit Erstaunen, und Anna hatte viel Mühe, sie davon abzubringen, ihr zu helfen, die Gabeln alle zu putzen und wieder zu verräumen.

Von nun an sah sich Anna die Gabeln jeden Tag genau an. Doch sie sah nichts. Jeden Tag sahen die Gabeln genau gleich aus, wie am Tag vorher. Anna schien es langsam, die Kuchengabeln würden sich über sie lustig machen. Jeden Tag erboste es sie mehr, dass sie nicht gesehen hatte, wie sich die Fäden um die Kuchengabeln gelegt hatten, und war deshalb froh, dass sie mit ihrem Freund vier Wochen in die Ferien gehen konnte. Sie genoss es in vollen Zügen. Die Gabeln vergass sie dabei vollständig.

Bis sie nach Hause kam. Kaum war sie über die Schwelle getreten, fiel es ihr wieder ein. Sie rannte fast zur Ablage. Dock — welch Enttäuschung! Nichts war geschehen. Die Gabeln waren so, wie Anna sie verlassen hatte. Sie gab es auf. Sie wusch die Gabeln und wollte sie in die Schublade legen — doch als sie die Schublade öffnete, prallte sie zurück. Was sie sah, war wirklich erstaunlich. Die Kuchengabeln, die sie geputzt hatte, waren vollständig schwarz geworden, hatten sich zusammengezogen, waren faltig geworden, hatten sich eingekringelt., wie Blätter im Herbst. Doch die anderen Kuchengabeln waren umhüllt von feinen Fäden, silbern schimmernd, geschützt von der Aussenwelt. Anna sagte nichts, und schob die Schublade sachte zurück.

Mehr als ein Jahr geschah nichts. Anna hatte viel zu tun, zu Hause, im Beruf, und sie vergass die eingehüllten Gabeln, die in ihrer Schublade schlummerten. Nun geschah es, dass Grossmutter sich wieder mal anmeldete; und Anna wusste, dass sie wenigstens diesmal mit dem Silberbesteck tischen musste, wollte sie die Grossmutter danach noch einmal sehen. Sie zog die Schublade auf — und staunte. Die schwarzen Gabeln waren inzwischen vollständig zerfallen, doch die eingehüllten… einige Hüllen waren aufgebrochen, und in ihrer Mitte lagen die Gabeln, keine Kuchengabeln mehr, sondern neue, ausgewachsene Gabeln., auch nicht mehr aus Silber, sondern aus einem Material, dass zwar noch metallisch glänzte, aber mit einem regenbogenfarbenen Schimmer; in ausgewogenen Formen lagen sie da. Dann sah Anna, wie sich ein weiteres Kokon zu öffnen begann. Gespannt schaute sie zu, vergass das Essen, vergass den Tisch, den sie decken sollte, die Grossmutter.

Über die ganze Länge des Kokons spannte sich ein Riss, der sich an den Enden sternförmig ausbreitete. Dann begann sich das Kokon zu öffnen, langsam, vorsichtig, fast die Umwelt ertastend. In der Mitte lag eine noch etwas zerknitterte Gabel, die Zinken eingerollt.

Nur langsam glätteten sich die Falten, entrollten sich die Zinken. Anna war so fasziniert in das Schauspiel, dass sich ihr bot, dass sie sogar das Läuten der Grossmutter überhörte. Sie vergass alles um sich, schaute zu, wie die Kuchengabeln ihr Kokon sprengten, ausbrachen aus der schützenden Hülle, zerknittert, verletzlich dalagen, mit eingerollten Zinken; und sich dann vollsogen mit Leben und Kraft, regenbogenfarben schillernd; keine Kuchengabeln mehr, sondern ausgewachsene Gabeln.

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