Mitunter schöpferisch
Gerade bei der Arbeit an einem Vortrag über Feuilletonforschung auf ein wunderbares Zitat gestossen. Der Autor lässt sich in seinem Aufsatz ziemlich mäandrierend über den Kulturbegriff, über Kulturpolitik und schliesslich das Feuilleton aus, um am Schluss zu bedauern, dass die Zeit der grossen Feuilletonisten vorbei ist. Es gäbe zwar ein paar junge Talente, doch leider seien diese
[a]llzu häufig […] gezwungen, in der Werbung ihr Brot zu suchen, wo sie als anregende Mitarbeiter eines nicht stets kunstlosen, mitunter ebenfalls schöpferischen Bereiches geschätzt werden.
Autsch. Da würden wohl einige Werber lauthals protestieren, sehen sie sich doch gerne als eine äusserst kreative Spezies an …
Zur Verteidigung des Autors – Willmont Haacke – muss gesagt werden, dass der Artikel aus dem Jahr 1969 stammt, wo Werbung möglicherweise in der Tat nicht gerade ihre kreativste Phase hatte.
Nicht zur Verteidigung des Autors trägt der Umstand bei, dass er seine Habilitation von 1942 fast zehn Jahre später gesäubert noch mal herausgeben musste – die Originalversion war durchsetzt von antisemitischem Gelaber. Gleichzeitig erklärt es aber, warum er in dem Artikel so sehr auf der Kulturpolitik herumreitet: war das doch das nationalsozialistische Stichwort, mit dem die als «jüdisch» angesehenen Feuilletons ersetzt werden sollten – natürlich, um den Deutschen die «wahre deutsche» Kultur einzuimpfen. Bloss dumm, dass man um diesen Begriff schon gut hundert Jahre zuvor gerungen hatte, aber schon damals keinen Erfolg hatte.