2005-03-31T20:26

Such den Konflikt, such!

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Interessant zu sehen, dass es offenbar unter Theaterwissenschaftsstudenten im Moment en Vogue ist, in sämtlichen Stücktexten einen Machtkonflikt zu vermuten. Das mag zwar in vielen Fällen stimmen, schliesslich sind Konflikte Motoren, die die Handlung antreiben – aber manchmal kann man damit auch etwas daneben liegen.

Da wäre zum Beispiel Heiner Müllers «Herzstück», ein kleines Textchen, das selbst in grosser Schrift auf eine DIN A4-Seite passt. Da will Eins sein/ihr Herz vor Zweis Füsse legen, doch Zwei hat daran keine Freude – es könnte ja den frisch gebohnerten Boden besudeln. Eins beteuert, dass sein Herz rein sei, schafft es jedoch nicht, es aus der Brust zu bekommen, worauf Zwei mit dem Taschenmesser nachhilft und zu seinem Erstaunen ein Ziegelstein zu Tage fördert, das aber, wie Eins betont, allein für Zwei schlägt. Genauere Umstände sind dem Stückchen nicht beigegeben.

So wunderbar absurd der Text ist, so ironiefrei machen sich manche Leute daran, eine Ausgangssituation dafür zu suchen. Da wird prophylaktisch ein Machtkonflikt vermutet, weshalb davon ausgegangen werden muss, dass Eins gegenüber Zwei – oder alternativ Zwei gegenüber Eins – eine Machtposition einnimmt – und ist dann erstaunt, dass dies im Text nicht mal über drei Zeilen plausibel zu halten ist, was dann reichlich hilflos durch einen Machtwechsel innerhalb des Textes erklärt wird. Offenbar ist es unmöglich, auf die Idee zu kommen, dass die beiden Figuren gleichberechtigt sind, dass sie nicht Macht über den anderen ausüben, sondern vielmehr miteinander spielen, aus Freude am Absurden, an den komischen Ideen.

Hand aufs Herz: wer hat nicht schon mal solche Dialoge gehört, spätabends unter Freunden, in gelöster Stimmung, wenn einem plötzlich so wunderbar dumme Ideen einfallen? Man kann es rumblödeln nennen.

Oder ein Stück daraus schreiben. Und sich dann königlich über die Theaterwissenschaft zu amüsieren, die sich daran die Zähne ausbeisst im Versuch, dahinter eine tiefere Bedeutung, einen inhärenten Machtkonflikt, ein Hungern nach Liebe zu finden.

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