10 Jahre
Halb sechs. Der Interregio steht schon da. Ich steige ein, suche mir ein freies Abteil, lege meine Sachen ab – die Tasche auf den Sitz neben mir, den Mantel drauf, den iPod auf das Tischchen, so dass alles seine Ordnung hat – und sitze ab. Es hat noch nicht viele Leute, trotz Rush-Hour. Ich lasse meinen Blick durch den Zug schweifenö. Im Abteil neben mir sitzt ein junger Mann – ebenfalls mit weissen Kopfhörern, die bei seinen dunklen Haaren noch mehr leuchten als sie es schon sonst tun. Noch ein iPodder. Er lehnt sich gegen das Fenster. Hellbraune Jacke, weisser Rollkragen-Pullover. Es dauert einen Moment, bis ich stutze.
Und es dauert noch länger, bis ich mir sicher bin, dass ich das Gesicht kenne.
Vor ungefähr zehn Jahren – ich hatte gerade den Übertritt von der Primar- zur Sekundarstufe geschafft – habe ich ihn kennen gelernt. Wobei: kennen lernen ist zuviel gesagt. Er war in der Parallelklasse, und fiel mir vor allem deswegen auf, weil er, kaum hatte er den Übertritt in die Sekundarstufe geschafft, ans Gymnasium wollte. Das hiess vor allem eines: einen gewaltigen Mehraufwand. So geschah es öfters, dass er auch in unserem Schulzimmer auftauchte um sich mit den Lehrern zu besprechen. Und dann hatten wir Jungen beider Klassen – sehr zu meinem Missmut – zusammen Sportunterricht. Er war schon damals gut einen Kopf grösser als der Rest der Klasse und zudem kräftig gebaut. Seine fast schwarzen Haare und die für unsere Gegend untypisch dunkle Haut liessen auf Ahnen aus dem Süden schliessen – ich fand nie heraus, von wo genau, noch interessierte es mich. Es war halt auch einer, der mit mir in die Schule ging. Was mir imponierte, war die Tatsache, dass er auf das «Gymnasium» wollte. Kein Wunder – wusste ich damals noch gar nicht, was denn eigentlich ein «Gymnasium» war; die Vorstellung, die ich davon hatte, waren von Kästners «Fliegendem Klassenzimmer» geprägt: altkluge Jungs, die sich in Knickerbockerhosen und Schildmützen Schneeballschlachten lieferten, während die älteren Semester in der Aula Tanzstunden hatten.
Vier Jahre später wusste ich, was ein Gymnasium war. Denn nun ging ich selber in die nächstgrössere Stadt in das scheinbar riesige Gebäude auf dem Hügel, von dem aus man das gesamte Tal überblicken konnte. An den Kollegen, der das ein paar Jahre früher gemacht hatte, erinnerte ich mich gar nicht mehr – und hielt auch nicht nach ihm Ausschau. Gut möglich, dass er an einem anderen Gymnasium war, oder die Ausbildung abgebrochen hatte.
Ich sah ihn erst wieder, als ich begann, Badminton zu spielen. Es traf sich bisweilen, dass ich früher da war, und auf der Galerie der Mehrfachturnhalle stehen blieb und den Trainierenden unten zusah. So sah ich ihn, wie er als Trainer kleinen Knöpfen Basketball beibrachte. Ich konnte mich erinnern, dass er schon an der Sekundarschule gerne Basketball gespielt hatte, und dass er nun die Knirpse trainierte, erschien mir passend: war er mir – trotz seiner beeindruckenden Gestalt – als ausgeglichen und ruhig erschienen. Der Anblick war lustig: die grosse, bullige Figur zwischen den kleinen, herumwuselnden, nie stillstehenden Pimpfen. Ich habe ihn nie gesprochen. Er hat mich auf der Galerie nicht gesehen, wenn ich unten in der Halle stand, war er schon wieder in der Garderobe.
Es muss mindestens vier Jahre her sein, seitdem ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Ich beobachte die Gestalt im Abteil neben mir in der Reflexion des Fensterglases. Das Gesicht ist dasselbe: die dunkle Haut, die schwarzen Haare, die Brille, das Bärtchen, der Ausdruck … doch sonst? Er sieht aus, als hätte er aus Versehen Hefe gefuttert und wäre danach zu lange an der Wärme gesessen: aus der ehemals bulligen, aber kräftigen Gestalt ist ein plumper, beleibter Mann geworden, der wohl schon seit Jahren keinen Basketball mehr in die Finger bekommen hat. Er sitzt auf dem Sessel, doch es gibt nicht mal einen Knick in seiner Kontur, er ist zu fett. Der Gesichtsausdruck gelangweilt, die kleine Fernbedienung des iPods fest in seinen Händen. Er lässt den Blick schweifen, manchmal streift er mich, ich weiss nicht, ob er mich kennt, oder nicht, oder nur so tut, wie ich, als würde er mich nicht kennen …
Er sitzt da, bis er in Burgdorf aussteigt. Ich steige auch hier aus, folge ihm ein paar Schritte. Seine Bewegungen sind schwerfällig, langsam. Ich frage mich, wie das passiert ist, und warum. Denn einfach so wird man doch nicht dick?
Ich frage ihn nicht. Wir beide haben die Ohrhörer eingestöpselt, sind in unserer eigenen Klangwelt, Autisten für den Rest der Umwelt. Unsere Wege trennen sich nach kurzer Zeit. Sie haben sich wohl schon vor zehn Jahren getrennt.