2005-01-02T17:49

Flüchten

Woven at 2005-01-02T17:49, coloured with , , , .

[tag]Valir[/tag] von Dyrandor zu Birkenbruch ist mein Held in der «Kampagne der Sieben Gezeichneten». Ausgebildet an der Krieger-Akademie in Eslamsgrund wurde er nach Erhalt des Kriegerbriefes von seinem Vater zurück auf die heimische Burg geordert, mit dem Auftrag, das Kommando über die Garde zu übernehmen. Eine Vorstellung, die Valir nicht gerade sonders glücklich macht …

Ich hätte nicht davonlaufen sollen. Man läuft nicht davon, es ist feige.

Aber ich hatte genug. Bei den Göttern, ich hatte wirklich genug!

Ich würde zuwenig tun. Haben sie gesagt. Was wollen sie denn? Dass ich ihnen die Stiefel putze? Die Pferde striegle? Der kleine Fluss zu meinen Füssen fliesst langsam an mir vorüber. Kleine Wellen schlagen glucksend ans Ufer. Ich klaube Steinchen aus dem Gras und werfe sie ins Wasser, eins nach dem andern, plitsch,

plitsch

 

 

plitsch,

 

bis ich keine mehr finden kann. Zwischen meinen Fingern nur noch Staub und Erde. Ich lasse mich auf den Rücken fallen und schliesse die Augen. Der Kloss im Hals geht nicht weg.

Die Gardisten haben sich beklagt. Ich würde zuwenig tun, hat Vater gesagt. Was soll ich denn tun? Sie glauben mir ja doch nichts. Ich habe sie doch gehört … ich könne nicht einmal eine Hellebarde von einem Schwert unterscheiden. Ich weiss ganz genau, dass sie mich verachten. Der Adelssprössling, von der Erbfolge ausgeschlossen, auf die Kriegerakademie geschickt; und nun meint der, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Dabei … ja! dabei hat er gar keine Ahnung vom Kampf, immer nur mit dem Holzschwert an Strohpuppen rumgefuchtelt, das Jüngelchen, jaja, und der soll nun unser Kommandant sein? Welch ein Witz, welch ein Hohn! Und sie lachen prustend, dass ihnen das Bier über den Bart trieft und die ganze Schenke dröhnt.

Vielleicht haben sie ja recht. Sie alle sind seit Jahren in der Garde. Sie wissen, was zu tun ist, und wie es getan werden muss. Ich war sechs Jahre auf der Akademie, und davor habe ich mich kaum um die Garde gekümmert. Was soll ich denn anderes tun, als die Arbeit jenen zu überlassen, die sie zu verrichten wissen? Stattdessen beklagen sie sich hinter meinem Rücken, ich täte zu wenig.

Ein Kitzeln auf der Nase. Ich öffne meine Augen und streife das Birkenblatt vom Gesicht. Golden gleissen die Birkenwälder im warmen Herbstlicht. Ein leichter Wind lässt die Birkenblätter leise rascheln, und zupft dann und wann einige von den Ästen, die sanft niederschweben. Ich höre Þeamyr, irgendwo hinter mir, wie er zwischen den Birken umher trottet und hier und da ein Büschel Gras ausreisst.

Im tiefblauen Himmel ziehen weisse Wolken vorüber. Und dann, hoch oben, eine Schar Wildgänse. Sie ziehen nach Süden. Jeden Herbst …

Ich erinnere mich, wie ich sie an der Akademie gesehen habe, vom Turm aus. Und mir vorgestellt habe, in welche fremden Länder sie ziehen. In den Nächten unter dem dünnen Laken habe ich davon geträumt, es ihnen gleich zu machen, fortzuziehen und fremde Länder zu sehen.

Wie oft habe ich davon schon als kleiner Junge geträumt, wie die grossen Helden, von denen mir meine Amme immer erzählt hat, auf Abenteuer zu ziehen. Geron der Einhändige! Leomar! Ich sehe mich noch heute, wie ich als kleiner Junge durch diese Wälder gerannt bin, heulend und johlend, und mit meinem Holzschwert Drachen erschlagen, Jungfrauen gerettet und prächtige Schätze gehoben habe. Selbst auf der Akademie träumte ich davon … hoch oben auf dem Turm stehend, der böige Herbstwind zerrte an meinem Umhang, über mir die Wildgänse, und ich bin ihnen in Gedanken gefolgt, über Wälder, Felder, Wiesen, Flüsse, Seen, über Kontinenten und Meere. Obwohl ich wusste, dass ich nach meiner Ausbildung zurück nach Birkenbruch und die Leitung der Garde übernehmen müsste. Selbst auf der Rückreise nach der Zeremonie habe ich gehofft, etwas würde passieren, keine Ahnung, was, irgendwas, doch nichts ist geschehen, kein Wunder, bei einer ganzen Eskorte; die gleiche Reise wie das Jahr zuvor und das Jahr zuvor und das Jahr zuvor …

Und da bin ich nun, und sollte einer Garde befehlen, die sowieso nichts von dem tut, was ich ihr auftrage. Und das für den Rest meines Lebens. Es sei meine Pflicht, hat Vater gesagt. Meine Pflicht, in dieser düsteren Burg zu sein, mich mit der Garde abzumühen, und immer hier sein, und niemals die Länder sehen … bis ich so schwach bin, dass ich nicht einmal mehr den Löffel von der Schüssel heben kann.

Ich kann Þeamyr hören, wie er zu mir kommt, seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren, wenn er an mir schnuppert und mich sanft mit seiner Schnauze anstösst. Ich richte mich auf, streiche ihm über die Nüstern.
«Þeamyr … sollen wir zurückgehen?»
Ich stehe vollends auf, streiche ihm durch seine helle Mähne, versenke mein Gesicht darin, und spüre das warme Blut, das durch seinen kräftigen Körper fliesst.
«Du musst dich nicht mit Vätern herumschlagen. Du musst keinen Leuten Befehle erteilen. Du hast es gut. Du könntest einfach davonrennen …»
Ich spüre, wie er wie als Verneinung dessen sanft an meiner Weste zu knabbern beginnt.
«Ich könnte dich nie mehr einholen … und doch machst du es nicht. Bleibst da, bei mir. Þeamyr … wenn ich dich nicht hätte …»

Ich schwinge mich auf den Sattel und Þeamyr beginnt von allein Richtung Burg zu trotten, langsam und gemächlich, zwischen den golden Birken hindurch, dem sanft plätschernden Fluss entlang. Noch weiss ich nicht, was ich tun werde.

Mich dem Ganzen stellen, wahrscheinlich. Man sollte nicht davon laufen. Es ist feige.

Possibly Related ...

Comments

Comment, or leave a Trackback.

2 Comments for «Flüchten»

  1. xeophin.tapestry » Blog Archive » Taktik (2/2) writes ():

    [...] wird. Und er wird ihn nicht tadeln, wenn er zurück kommt. Leodan kennt seinen Bruder gut genug. Valir hat sich schon immer in die Wälder zurückgezogen, mit seinem Pferd, um allein zu sein, wenn … [...]

  2. xeophin.tapestry » Blog Archive » Failed to load writes ():

    [...] Valir wird, so glaube ich, in Zukunft noch grössere Hochachtung vor seinem Þeamyr haben (und seinen beiden anderen Pferden, die er am Kaiserturnier in Gareth gewonnen hat). [...]

Leave Your Mark

RSS 2Atom Copyright Notice
Zurück zum Anfang