2004-12-18T23:50

Konversationen über Magie

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Zwar habe ich das Buch schon seit einiger Zeit durchgelesen, aber dazugekommen, darüber zu schreiben, bin ich bisher noch nicht. Nicht dass ich nun gerade besonders viel Zeit hätte – aber irgendwie mag ich mich an die andere Arbeit, die ich mir für heute noch vorgenommen habe, nicht machen. Also schreibe ich lieber über dieses eigenartige Buch von Susanna Clarke.

Gehandelt wird es von der Presse ja als «der erwachsene Harry Potter». Man sollte sich jedoch nicht zu viele Hoffnungen machen: Spielen doch beide Romane in ziemlich unterschiedlichen Welten. Während J.K. Rowlings Geschichten in einer Art Parallel-Universum zu unser eigenen Realität spielen (was möglicherweise mit ein Grund für ihre Popularität ist), spielt Jonathan Strange & Mr. Norrell im England des 19. Jahrhunderts. Magie ist in dieser Welt eine Wissenschaft wie Medizin oder Recht auch – wenn auch eine Wissenschaft, die von vielen nur noch historisch-theoretisch ausgeübt werden kann. Wenige können Magie wirken – ein Umstand, der sich Mr. Norrell, ein kauziger alter Mann, der eifersüchtig über sein Wissen wacht, zu Nutzen macht und sich zum alleinigen Bewahrer der englischen Magie aufschwingt. Bloss hat er die Rechnung mit einem weiteren Magier nicht gemacht: Jonathan Strange, der zuerst sein Schüler ist, aber bald auf eigenen Wegen wandelt – Wege, die nicht zuletzt auch in die Faerie führen, die Parallelwelt der Feen, von denen die Magie letztlich abstammt.

Viel Action sollte man jedoch nicht erwarten – viel spielt sich statt dessen auf den Dinners und Parties und Bällen der Society ab, in dem Stil, wenn auch nicht so scharfzüngig, wie man ihn von Oscar Wilde kennt (oder, wie ich auch schon gelesen habe, Jane Austen, bloss kenne ich deren Werke nicht, aber gut möglich, dass sie der bessere Vergleich wäre). So passiert es dann halt durchaus, dass man sich wünscht, dass es doch ganz schön wäre, wenn wieder etwas passieren würde, und sich die Personen nicht wieder in langen Konversationen aufhalten würden. Was sie aber durchaus gern und ausgiebig tun.

Entschädigt für solche Eskapaden wird man auf verschiedene Weise: zum einen mit den teilweise wunderbar abstrusen Plot-Twists, die in einem echten Dead-Pan-Stil daherkommen und in der Umgebung der eher steifen Herren um so besser wirken; zum anderen mit endlos langen Fussnoten, die quer durch das Buch verteilt sind und die sich äusserst vergnüglich lesen: hier wird eine alternative Geschichte der englischen Magie referenziert und nacherzählt, dass es eine Freude ist. Diese Fussnoten können die Magie in der Wirklichkeit verankern, indem sie ihr eine (natürlich fiktive) Geschichte geben. Ansonsten bleibt sie jedoch eher undurchsichtig: wenig wird über ihre Funktionsweise bekannt1, abgesehen davon, dass sie funktioniert, manchmal besser, manchmal schlechter.

Gesamthaft bleibt ein etwas durchzogenes Gefühl zurück: gut möglich, dass es deshalb ist, weil es trotz allem für mich zu realistisch und zu wenig fantastisch ist. Auch fehlte mir offensichtlich manchmal das Tempo – vor allem nach der Rückkehr Stranges aus Spanien schien es mir, als ob das Buch eigentlich jetzt zu Ende sein könnte – hätte ich nicht gesehen, dass ich noch nicht einmal bei der Mitte durch war … Nicht dass ich das Buch deshalb als Fehlkauf einschätzen würde, aber ganz meinen Geschmack getroffen hat es nicht.

Trotzdem nicht unerwähnt bleiben soll die Ausrüstung des Buches, die mir sehr zugesagt hat: zum einen ist da das wunderbar weiche Papier, auf das es gedruckt ist, zum anderen die Tatsache, dass die Seiten nicht geschnitten wurden: so entsteht eine unregelmässige Kante, die das Buch sehr alt und wertvoll erscheinen lässt (aber für das Blättern, auch das muss gesagt werden, nicht gerade förderlich ist). Ausserdem steht auf den letzten Seiten folgendes:

A Note on the Type

The original punches of the types cut by John Baskerville of Birmingham were sold by Baskerville’s widow to Beaumarchais and descended through various French foundaries to Beberny & Peignot. Some of the material survives and is now at the Cambridge University Press. Baskerville has been called the first of transitional romans in England. Compared with Caslon, there is more differentiation of thick and thin strokes, the serifs on lower-case letters are more nearly horizontal and the stress nearer the vertical.

Eine Seite weiter vorne findet sich dies:

A Note on the Author

Susanna Clarke lives in Cambridge. This is her first novel.

Zum Glück steht auf der Umschlagklappe noch etwas mehr, sonst müsste man sich schon ein wenig über das Verhältnis wundern. Aber die Idee, auch etwas über die Schrift zu schreiben, finde ich doch ganz ehrenvoll.


  1. Gut möglich, dass ich da von DSA verwöhnt bin: hat dieses doch ein äusserst detailiertes und schlüssiges Erklärungsmodell, warum und wie Magie in Aventurien funktioniert. Zu Clarkes Verteidigung lässt sich anführen, dass auch in Harry Potter die Funktionsweise der Magie kaum beschrieben wird. Ein Spruch, eine Bewegung des Zauberstabes: Bumm – Aber was genau geschieht, bleibt ebenso im Dunkeln wie Stranges und Norrells langwierige Berechnungen für ihre Sprüche … 

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