Elementarteilchen
War keine schlechte Idee von Christian, heute (bzw. jetzt schon gestern) Abend Elementarteilchen sehen zu gehen. Das Stück von Houllebecq (oder so, sollte mal nachsehen, wie sich der schreibt) wurde vom Schauspielhaus selber als «Science Fiction» angekündigt. Angesichts der Tatsache, dass ich mir vorgenommen habe, meine SAH darüber zu schreiben, fast ein Muss für mich, die Vorstellung zu besuchen (aber ich brauch natürlich wieder mal jemand, der mir den «Nudge out of the door» gibt …)
Und in der Tat passt das Stück in meine Vorstellung von Science Fiction und was sie auf der Bühne zu suchen hat – und hat mir dabei sogar neue Idee gegeben, wie das Problem angepackt werden könnte.
War ich in meinen bisherigen Überlegungen davon ausgegangen, dass Science Fiction heutige Trends und Entwicklungen extrapoliert und damit in einer Form bearbeiten kann. Das kann zu Ideen wie A Space Odyssey führen, wo Kubrick den Raumfahrt-Hype ad absurdum führt; zu Ghost in the Shell, wo in der Verkleidung eines Action-Anime der Frage nachgegangen wird, was es für Auswirkungen haben könnnte, wenn man mit dem menschlichen Gehirn und seinen Inhalten rumspielt; zu BLAME, wo Städte, Industrien, Technik zu einem wuchernden Geschwür worden sind, die von niemandem mehr kontrolliert werden.
Meine Idee beschränkte sich nun auf diese Art der Extrapolation. In Elementarteilchen wird jedoch ein anderer, genauso verfolgungswürdiger Weg genommen: Hier wird aus der Sicht von Menschen aus der Zukunft die Geschichte heutiger Menschen erzählt. Eine solche Herangehensweise ist natürlich um einiges verzwackter als die simple Anwendung von Murphy’s Law, ist aber um so interessanter, als sie die Frage aufwirft, wie zukünftige Menschen über unseren jetzigen Lebenswandel denken werden – oder anders gesagt, wie unsere heutige Geschichte in zukünftiger Zeit interpretiert wird. Natürlich gibt diese Art der Überlegung in den meisten SciFi-Texten («Stell dir vor, da gab es mal eine Zeit, als fast jeder Mensch auf Erden in seinem Fahrzeug einen Benzinmotor hatte! Zum Glück haben wir heute alle Wasserstoffmotore …»), aber in den wenigsten Fällen wird sie in aller Konsequenz durchgedacht. Noch sehe ich nicht in aller Klarheit, was eine solche Idee für Auswirkungen hat, wo sie verwendet wird und welche Effekte sie hervorrufen könnte – aber bedenkenswürdig ist sie.
Das Stück an sich, mal abgesehen von allen SciFi-Gedanken besticht vor allem durch einen ausgefeilten, sehr dichten Text, der von den Schauspielern mit Sorgfalt gesprochen wird. Ansonsten keine Requisiten, Schlichtheit. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass man das Ganze aufnehmen und als Hörspiel hätte senden können, ohne irgendwelche substantiellen Verluste zu erfahren – gut möglich, dass das auch schon geschehen ist. Insofern war es keine schlechte, wenn auch ziemlich bedeutungsschwangere Idee, die fünf Schauspieler auf eine überdimensioniertes Waschbrett zu stellen, auf dem sie dann herumtrippelten, schwankten, balancierten, stolperten und auf die Nase fielen. Sämtliche Bewegungen wurden damit automatisch vorsichtiger, tastender, was vor allem auch in den Reaktionen zwischen den beiden Halbbrüdern schön zum Ausdruck kam: irgendwie könnten sie sich ja umarmen, aber dazu können sie sich doch nicht überwinden, und die Arme bleiben im leeren Raum schweben …
Die Träume, Eskapaden werden in einer Unaufgeregtheit und Sachlichkeit zusammengefasst, die schon fast an Unterkühltheit grenzt – ohne aber blutleer zu erscheinen. Keine schlechte Leistung, die Spannung auf diese Weise, praktisch nur über den Text und die gesprochene Sprache über anderthalb Stunden aufrechterhalten zu können.
(Ich sitze gerade im Zug und höre zu, wie der eine dem anderen Dürrenmatts «Das Versprechen» zusammenfasst. Schlussfazit: «Es huere Ghetto!» ;-) )