2004-09-29T22:58

Plakate und Wirkungen

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– oder: Wie die SVP spin(n)t.

Ich habe ja nicht schlecht gestaunt, als ich heute Abend folgenden Kommentar in meinem Artikel über die gefälschten SVP-Plakate gefunden habe:

hey Leute, das Ganze war bloss ein Scherz. ich bin weder eine Linke Partei, noch ein Mitglied der SVP. Ich bin bloss hier um ein wenig zu provozieren. Das der Scherz einen solchen Effekt hat habe ich nicht gedacht. Aber nun ists eben gschehen…

Gezeichnet: nach eigener Angabe der Urheber dieses Streiches. Wer hätte denn gedacht, dass nicht nur Eingeweihte in diesem Blog lesen? Nun, Google sei auf jeden Fall dank …

Ich möchte diese Antwort nicht einfach im Regen stehen lassen. Obwohl der Urheber offensichtlich von seinem Erfolg überrascht wurde und wohl nicht geahnt hätte, dass diese Aktion solch hohe Wellen schlagen würde (wie etwa in meinem Blog erwähnt zu werden … grins), möchte ich diese noch ein wenig höher schlagen. Die Aktion war nämlich ziemlich clever, denn sie zielte direkt auf die Achillesferse der SVP: auf die Verpackung. Wenn das dem Urheber unangenehm ist, so soll er sich bitte bei mir melden, dann nehm ich den Artikel wieder runter …

Schmutzige Wäsche …

hat die SVP schon immer gerne gewaschen. Die Slogans, die auf den gefälschten Plakaten zu lesen sind, sind von der Grundhaltung der SVP keineswegs weit entfernt. Jetzt wird ausgebürgert! heisst das eine. Und der Text dazu? Tadaa:

Bei der IV haben wir es mit einem massiven Missbrauch zu tun. Alle wissen es, nur keiner will es sagen! Von 1990 bis heute hat sich die Zahl der IV-Rentner von 160′000 auf 260′000 erhöht! Jede zwanzigste Person im erwerbsfähigen Alter bezieht damit eine IV-Rente! Die Ausgaben betrugen 1990 noch 4 Mia. Franken – heute sind es schon 10 Mia. Franken! […] Neue Krankheitsbilder wie “Schmerzsyndrom”, “psychosoziale Depression”, “Entwurzelungssyndrom” und andere sog. “polymorbide” Symptome sind kaum überprüfbar und führen zum leichten Einstieg in die Invalidität. […] Mit Gratis-Anwälten bestückt, versuchen immer mehr Personen Lohn und Arbeit durch eine Rente zu ersetzen. Ein überdurchschnittlicher Teil wird den Ausländern ausbezahlt. Mehrere 10000 IV-Renten gehen ins Ausland. Wer hat denn das noch im Griff? […]#[hervorhebung]

[hervorhebung]: Hervorhebungen durch mich ergänzt.

Der Urheber dieser Worte? Chrigeli Blocher, nachzulesen auf der SVP-Website. Ich weiss, er sagt nichts über Ausbürgerung – aber leiden kann er die sogenannten «Scheininvaliden» auch nicht, wegekeln möchte er sie durchaus, das kommt sehr klar hinaus.

Der Slogan «Die Ferien sind vorbei», der ebenfalls von der falschen Kampagne benutzt wurde, zielt in die selbe Richtung: schon lange tut sich ja die SVP damit hervor, sämtliche Ausgaben an Flüchtlinge und Asyl-Suchende streichen zu wollen, da diese ja «bloss kommen, um von unserem Sozialsystem zu profitieren». So wird gefordert, dass:

Staatliche Unterstützung [gestrichen wird]: Asylbewerber, deren Gesuch abgelehnt wurde, erhalten keine staatliche Unterstützung. (Diese Praxis gilt bereits weitgehend in Holland und Belgien). Die Fürsorgeleistungen sind zudem gesamtschweizerisch zu vereinheitlichen und zu reduzieren, und Erwerbsarbeit während des Asylverfahrens ist zu verbieten.

Wie wunderbar passt da der gewählte Slogan! Und trotzdem empört sich die SVP ungeheuerlich über die gefälschten Plakate, sie seien «krass», eine Sauerei. Man muss sich wundern. Aber nicht sehr lange. Denn bei der SVP kommt der Müll

… in freundlicher Verpackung

Man kann ihnen ja viel anhängen, aber eines kann die SVP: mit den Medien arbeiten. So kommen all die öffentlichen in netten Verpackung: oft hart am Limit, aber nie darüber hinaus, so dass bloss die «linken Weicheier»#[weicheier] von Blick bis NZZ einen Leitartikel darüber schreiben, aber ansonsten der grosse Aufschrei ausbleibt. Die ausschlaggebenden Argumente werden nicht ausgesprochen, sondern als ein diffuses Gefühl vermittelt.

  • Ein Bild, das verschiedene Hände zeigt, die in einen Korb mit Schweizer Pässen greifen. Die Hände sind zum einen dunkelhäutig, zum anderen sehen sie sehr «erwachsen» aus. Dazu der Text «Masseneinbürgerung?»

    Die Tatsache, dass das Gesetz vor allem Kinder und Jugendliche betreffen würde, die oft durch die Schule weit besser integriert sind als ihre Eltern#[schule], wird dabei ganz bewusst durch die Tatsache unterlaufen, als dass die Hände erwachsene Männerhände sind.#[maenner]

    Das Plakat evoziert also ganz bewusst die Idee, dass jeder Ausländer einfach das Schweizer Bürgerrecht erhalten würde – ohne Auflagen. Das war ganz klar nicht der Fall, aber darum schert sich die SVP wenig. Doch dem flüchtigen Betrachter soll vermittelt werden, dass damit gerade auch die «kriminellen Ausländer», über die sich sämtliche SVPler den Mund fusslig reden, Schweizer würden. Und wollen wir die Einbürgern? Nein, natürlich nicht – aber um die wär’s auch gar nicht gegangen.

  • «Die Schweiz islamisiert»: So (oder ähnlich, ich hab es nicht mehr genau im Kopf) titelte ein anderes Inserat, das zwar nicht direkt von der SVP kam, aber von einem Komitee, das, welch ein Zufall!, am selben Ort stationiert war. Mit einigen obskuren Graphen sollte dem Betrachter vermittelt werden, dass die Schweiz von Muslimen geradezu überflutet wird.

    Wiederum werden ganz bewusst Tatsachen ausser acht gelassen: so hat eine Religion erst mal gar keinen Zusammenhang mit dem Herkunftsland. Die Aussage, Schweizer wären samt und sonders Christen trifft genau so wenig zu wie die Aussage, alle Ausländer in der Schweiz seien Muslime. Für eine Mehrheit wird es womöglich zutreffen – aber die Verallgemeinerung ist schlicht haltlos.

    Der Begriff wird vielmehr im Sinne benutzt, der auch in den Staaten unter Bush en Vogue ist: die Gleichsetzung des Islams mit Terrorismus. Die Aussage des Inserates lautet also eigentlich: Wollen wir ein Hort des Terrorismus werden? Nein, niemand will das, aber das ist auch nicht der Punkt.#[islam] Aber für generelle Panikmache und kollektive Verweigerungshaltung reicht das durchaus.

Die Wahrung der Maske

wird angesichts solcher Parolen nötig, das wird deutlich. Wenn die SVP angesichts der gefälschten Plakate protestiert, so tut sie das nicht wegen des Inhalts, den sie zweifelsohne unterstützt, sondern wegen der Verpackung: die Überspitzung der Parolen offenbart gleichzeitig auch die versteckte Agenda der originalen Propaganda, und das soll natürlich unter allen Umständen vermieden werden. Man will ja nicht in den Dunstkreis solcher aggressiver Werbung gelangen, sondern, wie sie es nun schon lange tun, nach aussen einen gemässigten Kurs fahren, während hintenrum klar rechtsradikale Wege eingeschlagen werden. Wenn ein paar Linke rummosern, die Kampagne sei nicht fair, so geht das der SVP vollkommen am Arsch vorbei – der Otto Normalbürger darf nicht aus seinem Döszustand geholt werden, in dem er annimmt, die SVP «sei schon okay, und eigentlich habe sie ja recht».

Um so schöner, dass die gefälschten Plakate die SVP zu dieser Reaktion veranlasst haben: denn damit disqualifiziert sie sich gleich selbst: Austeilen kann sie wie sieben, aber mit Einstecken hat sie offenbar Mühe.

Und deshalb, werter Urheber: hier sind keine Entschuldigungen nötig. Wer sich selber auf diese Weise disqualifiziert, verdient keine Gnade. Es ist gut zu sehen, dass wenigstens jemand reagiert hat, währenddessen ansonsten die gesamte Linke wie ein erstarrtes Kaninchen vor der Schlange gesessen hat und die SVP-Propaganda irgendwie nicht fair fand, aber ansonsten kaum etwas tat.

Die gefälschten Plakate waren eine wunderbare Satire, die äusserst geschickt die Tendenzen der originalen SVP-Propaganda offenlegten und überspitzten. Dass in der Schweiz weder Sinn für Humor noch eine Kultur solcher bissiger Satire existiert (wie auch die momentane Debatte über die Karikatur von Nico im Tagi zeigt), ist bedauerlich, aber niemandes Schuld – auf jeden Fall nicht der der Satiriker.

Im Gegenteil. Wenn es sie nicht gäbe, so wäre die Schweiz inzwischen längstens eingepennt in selbstvergessener Genügsamkeit.

[schule]: Eine Tatsache, die die SVP offenbar noch nicht erkannt hat, und die Integrationsaufgabe schlichtweg den Eltern dieser Kinder zuschanzen will, die oftmals gerade dazu kaum in der Lage sind. Wenn die SVP damit fördern will, dass auch die zweite Generation nur «unter sich» bleibt, so ist sie damit auf dem besten Weg. (Aber das nur nebenbei.)

[weicheier]: Nicht immer ist die SVP so dezent: «Die Weicheier haben wieder zugeschlagen» wird zwischendurch grosskotzig getitelt. Wer bis jetzt den Beteuerungen glaubte, solcherart Plakate wäre die SVP nicht in der Lage zu produzieren, sollte spätestens jetzt seinen Irrtum erkennen.

[maenner]: Interessant zu sehen, dass für die SVP die Ausländer offenbar ausschliesslich männlichen Geschlechts sind … da kann man sich wundern, wie sich die SVP vorstellt, wie es dann zur zweiten und dritten Generation «kommt» … (Aber das nur nebenbei.)

[islam]: Die pauschale Gleichsetzung des Islams mit Terrorismus, meist als Gegensatz zum Christentums verwendet, wird um so schaler, als dass das Christentum auch nicht gerade als sehr friedliebende Religion bekannt ist … (Aber das nur nebenbei.)


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