Leiden
«Ich leide schon viel besser», sagt Frau Berchthold zur Seminarleiterin, vielleicht in der Zukunft, zu Zeiten, wo Gefühle und Emotionen normalerweise unterdrückt werden, ob willentlich oder medikamentös, denn das Leben ist blosse Verhandlungssache, «Life is Business», da sollte man sich keine Blösse geben, wenn man oben hin will, und das wollen viele, ja alle; da müssen Gefühle wieder gelernt werden, wie kleine Kinder, die lesen lernen, sitzen sie da, erwachsene Menschen unter einem künstlichen Blätterdach, das beruhigend wirken soll, und lernen nach Kräften «Leiden», nehmen den kleinen Schmerz und lassen ihn wachsen ins Unermessliche und laben sich an der Qual, die es ihnen bereitet, ein «echtes Gefühl»; Wahnsinn!, wo man glaubte, das gäbe es nur noch im Fernsehen in den endlosen Soaps und vorchoreographierten Talkshows.
Und dann gibt es andere, die gehen nicht in Kurse, die wollen das nicht, stattdessen landen sie in Seitengassen, wo die Luft mit Chemikalien geschwängert ist, in Spelunken, Etablissements, wo sie sich die Stoffe injizieren, die ihnen das Gefühlt geben zu leiden – illegal, natürlich – sie nehmen es, und liegen da, in die Dunkelheit starrend, und lassen die Pein über sich rollen in Wellen, immer mehr und immer länger, bis ihnen die Tränen über die Wangen rollen und sie das heulende Elend sind, und in die Arme genommen werden müssen, von solchen, die sich bezahlen lassen für das Trösten und Streicheln und Tätscheln; ganz sanft, um das zu spüren, wie das ist, eine Hand, die wie eine Feder über das Gesicht gleitet und die Tränen wegwischt.
Und dann gibt es solche, die kommen immer und immer wieder, stürzen sich immer tiefer in die sich selbst auferlegte Traurigkeit, man sieht es ihnen an, auch zuhause, im Beruf, wenn man es nicht sehen sollte, ihr Blick, er schweift ab, fokussiert in eine Ferne, die es zwischen den Wolkenkratzern gar nicht gibt; «Teardrops» werden sie genannt, Tränen; die Kinder machen Präventionsprogramme – «Schaut doch, ihr müsst nicht traurig sein, im Fernsehen, da ist alles bunt, da gibt es keine Gründe, Trübsal zu blasen, ihr wollt doch nicht etwa aussehen wie die Tränen, oder?» – und die Animatoren verschweigen, wie diese, wie Tränen eben, hinaufsteigen auf die Wolkenkratzer, ganz oben, über die Brüstungen und Abschrankungen klettern und stehen dann da, am Rand, vor dem Abgrund, die Stadt, der Lärm dröhnt zu ihnen herauf, wie ein Kissen ballt er sich zusammen, und dann lassen sie sich fallen, hinein in ein Meer aus glitzerndern Lichtern, Werbung und Neonröhren und Fenstern und LCD-Schirmen, ein Universum der Information; in ihrem Kopf ein Aufflackern der Idee, dass sie nun die Freiheit, die sie in der Horizontalen nie gefunden haben, nun in der Vertikalen entdeckt haben …
Doch Frau Berchthold, die mit 19 anderen Teilnehmern im Seminarraum sitzt, bemerkt die Gestalt nicht, die einen Moment lang am Fenster erscheint; der künstliche Wald rauscht leise, und sie überlegt sich, an was sie leiden könnte, sie muss lange überlegen, bis ihr etwas einfällt, der Tag, als sie ihre Lieblingssoap unterbrochen haben, um die Inbetriebnahme der Mondstation anzukündigen, das hat sie geschmerzt, und das nimmt sie nun und leidet ein wenig darüber, und nach einer halben Stunde wird sie aufstehen, zusammen mit den anderen und sich schon viel besser fühlen, das sagt auf jeden Fall die Seminarleiterin, und die wird das sicher wissen.