Nöö, brauchen wir nich.
Neue Rechtschreibung? Nicht mit uns, findet der Spiegel, und stellt kurzerhand wieder um auf die alte (oder, wie sie es nennen, klassische deutsche
) Rechtschreibung um.
Offenbar waren ein paar Redaktoren zu faul, die neuen Regeln zu lernen, und nun schiebt man frischfröhlich die armen Kinder vor (Eltern benutzen eine andere Orthographie als Kinder.
- War denn etwas anders zu erwarten?) oder die verunsicherten Lehrer
.
Nach sechs Jahren Erfahrung, noch bevor die Reform richtig greifen konnte, umstellen? Irgendwie kann ich die angeführten Argumente nicht wirklich sehen. Eher scheint es mir eine Strategie zu sein, sich in einem umkämpften Markt profilieren zu wollen … oder haben wir es da zu Zeiten des Sommerlochs mit der Ausgrabung eines Urzeitmonsters anstelle von Nessie zu tun?
Zumindest finden noch andere das Ganze etwas merkwürdig.
ich bin echt sauer. warum erst nach so langen jahren? sie hätten es sich früher überlegen sollen!
Überraschend kommt das ja nicht. Und Extrawürste braten diverse Verlage seit Einführung der Neuen Rechtschreibung: Die NZZ etwa, aber auch FAZ und ZEIT. So gesehen, hat sich diese (Un-)Reform nie wirklich durchsetzen können, und das passt zu diesem «Werk». Schlimm ist, dass es Autorinnen und Autoren, Verlage und Redaktionen – und nicht zuletzt die verantwortlichen Kultusministerien (auch in der Schweiz und in Österreich) verpennt hatten, den auf ein ziemlich krummes Geleise geratenen Zug zurückzupfeifen. Nun gibt’s eigentlich kein Zurück mehr, sondern es wird dabei bleiben: Manche schreiben nach neuer Rechtschreibung (halbwegs richtig), andere nach der alten (auch nicht unbedingt richtiger). Ein Durcheinander mit Folgen, namentlich für die Schülerinnen und Schüler: Sollen sie sich am Schulbuch orientieren oder an der hochgelobten FAZ - oder vielleicht an der Lehrerin, dem Lehrer, die irgendwo zwischen alter und neuer Rechtschreibung steckengeblieben sind?
“Die über 30-jährigen schreiben anders als die Kinder” - das ist der Grund, an dem die alle ihre Argumentation aufhängen. Ich finde das einen ziemlichen Witz, schliesslich war das von Anfang an klar. Meine Grosseltern schreiben auch anders als ich - und trotzdem bin ich deswegen nicht “verwirrt”. Das Problem scheint mir eher, dass ziemlich viele Leute zu faul oder zu überheblich war, sich die neuen Regeln mal anzusehen (”Man sagt, es sei schlecht, also …”) und sie zu lernen.
Wenn jetzt ein paar Verlage einfach stinkfrech rumtröten, dass sie keine Lust haben, sich umzugewöhnen, stürzen sie damit wahrscheinlich weit mehr Kinder in Verwirrung, wenn diese seit der 1. Klasse die neue Rechtschreibung gelernt haben, und sich nun wieder umgewöhnen sollen. Die sogenannt alte Rechtschreibung ist des öftern genauso unlogisch und inkonsequent wie die neue …
Deshalb vermute ich, dass das vor allem ein Werbe-Gag ist. Den Leuten geht es doch gar nicht um die Sache, und wenn es ihnen darum geht, so sind sie verdammt kurzsichtig.
werbe-gag kann man es wohl weniger nennen. es gibt einige, die wegen der heutigen entscheidung ihr abo kündigen.
Okay. Aber Aufmerksamkeit erregt es auf jeden Fall. Und das ist auch schon ein Erfolg. Es wird bestimmt Leute geben, die genau wegen dieser Aktion nun beim Zeitschriftenhändler mal aus Neugier einen Spiegel kaufen. Voilà: Ziel erreicht …
Da machst Du es Dir etwas zu einfach, lieber xeophin, finde ich. Grundsätzlich bin ja Deiner Meinung: Es ist ein absoluter Witz, wieder auf den Duden 1993 abstellen zu wollen. Aber als «Werbegag» würde ich das nicht bezeichnen. Meinetwegen mag es eine Dummheit sein, ein ganz falscher Entscheid in einer völlig verfahrenen Sache, und auch das Argument, die Über-30jährigen schrieben anders ist m.E. keines. Tatsache ist, und da spreche ich aus Erfahrung: Den Schulen (und der öffentlichen Verwaltung) ist die Umstellung alles andere als geglückt. Die Lehrpersonen schreiben zwar Gämse und aufwändig, dann hat es sich aber auch schon bald. Davon, wie Kommata zu setzen wären, haben sie nach wie vor nicht eben eine Ahnung. Nun ließe sich sagen, die neue Rechtschreibung erleichtere vieles. Tut sie aber nicht wirklich. Wer die alte beherrscht, weiss: Manches war zwar strenger geregelt, aber auch klarer. Wenn Du Dir Lehrmittel anschaust, erkennst Du, zu welchem Durcheinander diese Reform geführt hat. Bestätigt wird dies durch einen Blick in die Zeitungen. Wie ich schon anmerkte: Die NZZ handhabt es so, der FAZ so, der Tages-Anzeiger so, die TAZ und die WOZ wieder anders. Jeder nach seinem Gusto – das bestätigte heute im «Echo der Zeit» auf der DRS2 auch der Chefkorrektor der NZZ. Er schließe nicht aus, meinte er, dass die NZZ ebenfalls wieder zur «alten» Rechtschreibung zurückkehre. Schon heute lege man die Reform aber nach Hausregeln aus: Manchmal gelte der neue Duden, dann wieder derjenige aus dem Jahr 1993. Ebenso der Tages-Anzeiger: Dort bezeichnet man sich zwar als konservativ, in der Zeitung ist aber zum Beispiel immer wieder zu lesen: «Es tut im Leid.» Finde ich daneben. Schlimmer noch die Basler Zeitung BAZ: Dort bringen sie es nicht einmal fertig, Hausregeln aufzustellen. Man überlasse es, hieß es heute im Radio, den Schreibenden, die Regeln so oder anders auszulegen. Na ja. Vor diesem Hintergrund betrachtet, ist der Entscheid von Spiegel und Springer immerhin ein Entscheid: Man lehnt die Reform – wenn auch viel, viel zu spät - ab und kehrt zum sogenannt Bewährten zurück. Zurück auf Feld eins könnte das bedeuten, hin zu einer neuen, wirklichen Reform. Könnte. Natürlich bedeutet es das nicht, und das ist der eigentliche Skandal. Erleichternd zu wissen, ist dies: Die Sprache lebt. Nicht selten an den Regeln vorbei. Den letzten Satz würde manche Lehrerin oder mancher Lehrer(in der Schweiz, die andern kenne ich nicht) als falsch markieren, weil unvollständig. Dabei ist ihr Wissen darüber unvollständig, was Sprache erlaubt. Ob neue oder alte Rechtschreibung: Wenn Du an die Kinder denkst, gibt es ein weit größeres Problem: Die ungenügende Sprachkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer. Ich habe schon manche Schülerin und manchen Schüler kennengelernt, deren Stil ich als herausragend betrachtete, die in der Schule aber stets mit den Vorstellungen des Lehrers, der Lehrerin zu kämpfen hatten, wie ein Aufsatz zu schreiben wäre. Von Gestaltung, und damit meine ich diesmal: mit Sprache etwas zu gestalten, haben die ganz einfach keine Ahnung. Daran ändert auch eine «moderne» Regelung unserer Rechtschreibung nichts. Und, natürlich, auch nicht die Rückkehr zum Stand von 1993… (Obschon wir damals bei PISA noch nicht so mies abschnitten…,-) )