«Barrierefreiheit ist Luxus»
– lieber bezahlt man ein sauteures Content-Managment-System, auf das zwar Google nicht zugreifen kann, aber für solche Dinge kann man ja noch einen Search Engine Optimizer anheuern …
Aus aktuellem Anlass – da in Deutschland gerade heiss darüber diskutiert wird und weil wir im Büro im Moment einen ähnlichen Fall haben (man erinnere sich an solche Beispiele), wo mit den selben Schein-Argumenten von Seiten der Gegenpartei gefochten wird, zwei Artikel, wie geschaffen für Iwan ;) (via schockwellenreiter):
- man bedim len?: Barrierefreiheit vs. verkrusteten Strukturen im öffentlichen Dienst
- Geschenkt ist noch zu teuer
Die Argumentation ist klar: Barrierefreie Websites sind mittelfristig weit kostengünstiger als die klassischen font/span/table-garbage-collections. Eine Erfahrung, die ich/wir nur bestätigen können: In der Regel sind die Konzepte für neue Websites ein vielfaches schneller erstellt als früher, wo jede Änderung in der Hauptnavigation einem kleinen Erdbeben gleichkam, da dies wieder mindestens eine Stunde Arbeit in Photoshop bedeutete, bis man die Hauptnavigation wieder einigermassen hergerichtet hatte, ohne gerade das gesamte Layout auseinander brechen zu lassen.
Beispiele von Websites, die sowohl dem Besucher wie dem Webmaster das Leben schwer machen, gibt es genügend. Ein Beispiel weist die folgenden Details auf:
- Komplett tabellenbasierend. Bis zu sechs ineinander geschachtelte Tabellen sind keine Seltenheit, und sei es nur, um den Text 15 Pixel nach innen zu rücken.
- Textformatierung geschieht ausschliesslich mit
<span>und<br>. Das CSS ist nur da, um die Scrollbars in IE einzufärben. (Autsch. Autsch. Autsch.) - Bilderbasierende Navigation. Ohne
alt-Attribute. (Ein Wunder, dass nicht der gesamte Inhalt auch in Bilder umgewandelt wurde.) - «Es darf nicht gescrollt werden müssen». Hirnrissiges Paradigma. In den Zeiten, wo praktisch jeder Mäuse mit Scroll-Rad benutzt, ist das kein Thema mehr. Die drei Prozent der drei Prozent der Mac-User, die die Original-Apple-Maus verwenden, dürfen da ruhig vernachlässigt werden – schliesslich muss ansonsten fast überall gescrollt werden. Was soll also diese Idee? Die Folgen sind absurd: Entweder, man beschränkt sich auf äusserst kurze Texte. Oder man verteilt alles auf mehrere Seiten. Ist das praktischer? Nicht wirklich: der Leser der Site sieht sich nämlich mit einem «Weiter»-Button konfrontiert, der frischfröhlich mit dem Zeiger Katz und Maus spielt – steht er doch, je nach Länge des vorhergehenden Textes an einem anderen Platz. Und der Unterhalt selbst wird zur mühseligen Tortur: das Einfügen eines neuen Mitarbeiters in die Mitarbeiter-Liste zieht Änderungen an 7 Dateien nach sich (und natürlich handelt es sich dabei nicht um eine simple Liste, sondern eine Tabelle, mit einem Bild in der einen Tabellenzelle, den Daten in der Zelle daneben – und das zweispaltig. Drag und Drop, jeden Mitarbeiter einzeln, ist angesagt …)
Kein Wunder, dass das Ding (den Namen Website verdient sie nicht wirklich …) ziemlich kompliziert zu aktualisieren ist und in den Testläufen des Öftern die Navigation ausfällt. Schliesslich arbeitet man (für die relativ grosse Site erstaunlich, finde ich) weder mit Templates noch mit Library-Objekten – obwohl die Website mit Dreamweaver unterhalten wird. Stattdessen wird alles per Suchen und Ersetzen unterhalten. Wo ich Anfang meines Dienstes noch spasseshalber von «Search & Destroy» gesprochen habe, musste ich nun erkennen, dass ich damit gar nicht so weit entfernt lag …
Das Traurige daran ist: solche Arbeit wird weiterhin verkauft, zu einem stolzen Preis. Gäbe es nur noch für die seriösen Webunternehmen, wie Wolfgang Wiese diese richtig bezeichnet, bestimmte Zertifikate oder Fähigkeitsausweise, so würde ein Grossteil der heutigen so genannten Webdesignern ziemlich spurlos von der Bildfläche verschwinden. Ich habe meine Websites auch nicht von Beginn weg W3C-konform gemacht. Aber ich habe es gelernt. Und es war nicht einmal sonderlich schwierig.
Dieselben, die noch vor einigen Jahren davon geschwärmt haben, wie «unglaublich dynamisch» das Web doch sei, sind inzwischen wie Gargyle versteinert, ihre Füsse fest verkrallt in den Müllhaufen aus veralteten, proprietären Tags, verkommenen Browser-Weichen und selbstgestrickten CM-Systemen, diesen Abfall eifrig verteidigend unter dem Label «langjährige Erfahrung». Wenn die gesamte Computer-Industrie so gedacht hätte, würden diese Leute noch heute ihre Websites in Lochkarten stanzen. Doch das sehen sie nicht.
Man befürchtet wohl, erkennen zu müssen, dass diese so liebgewonnene Anwendung des HTML-Codes nichts anderes als die Perversion desselben bedeutet. «Aber es funktioniert doch!» hört man sie schreien.
Kein Wunder. Microsoft hat das Konzept ja auch nicht begriffen.
Wohltuend, das zu lesen!
«Ich habe meine Websites auch nicht von Beginn weg W3C-konform gemacht…» – Ich auch nicht… und mir graut es davor, mir den Code einiger Seiten vorzustellen, die ich vor einigen Jahren ins Netz stellte – «und die doch wunderbar funktionierten»… Schön zu sehen, dass wir inzwischen weiter gekommen sind, während andere noch immer in Tabellen und zwischen Font-Tags gefangen sind und das Höchste an Darstellungskraft darin sehen, Scrollbars anders einzufärben… – und uns «proprietäre Gilde von High-Tech-Surfern» schimpfen…
ein zeitgemässes cms? http://www.sitevision.ch
;)
Zeitgemäss? Nun, da scheine ich ja mit meinen Ansprüchen meiner Zeit ziemlich weit voraus zu sein: diese Lösung ist weder barrierefrei, noch basiert sie auf gültigem XHTML, sondern auf Tabellenlayouts (eeevil! - das verwendete HTML 4 ist ausserdem auch nicht valide, so nebenbei); zudem wird das Ganze noch von ASP betrieben – Pfui Teufel. Als Bestandesaufnahme der momentanen Fähigkeiten von Schweizer Webprogrammierern (und Designern, darüber mag man sich ja bekanntlich auch streiten) mag das Beispiel schon dienen – aber meinen Ansprüchen genügt das leider nicht, tut mir leid. Da hacke ich mir lieber mit WordPress mein eigenes kleines CMS zusammen … ;-)
vielen kunden ist das backend ziemlich egal, wenn die verpackung stimmt. und features hat das teil zweifellos sehr geile. die sind jedoch für dich nicht sehr relevant, da du wohl über den enterprise anspruch von unternehmungen hinaus gehst ;) oder was bringt dir als privatpoweruser mandantenfähigkeit & content sharing? ;)
der zoo zürich (zoo.ch) hat eine barrierenfreie webseite im betrieb. die sieht aber scheusslich aus, wobei das den auf der betreffenden seite surfenden wohl so lang wie breit sein dürfte.
was hast du denn gegen asp? ;)
Der ach so bequeme Kurz- und Trugschluss, dass sämtliche barrierefreien Websites hässlich seien, ist ungefähr so sinnvoll wie wenn ein Architekt der Ansicht wäre, Rollstuhlgängigkeit würde sein Haus verschandeln …
Barrierefreiheit hat nicht so viel mit Design, sondern vielmehr mit Sorgfalt bei der Programmierung etwas zu tun. Das in ein CMS einzubinden wäre ja wohl nicht sehr schwierig, aber da man dabei von Tabellenlayouts und so liebgewonnenen Tags wie
<font>Abschied nehmen muss, nicht wirklich Priorität. Lieber baut man - wie war das noch gleich? - mandantenfähigkeit und content sharing ein, wobei ich bezweifle, ob das die Kunden auch wirklich brauchen, oder ob das nicht einfach wieder mal Microsoft-mässige Feauturitis ist. Mehr Features sind auch nicht immer ein Gewinn … («Möchten Sie einen Brief schreiben?!!»)Und ASP? Nun ja, wieder mal eine proprietäre Lösung aus dem Hause MS. Und wie gut die sind, ist ja hinlänglich bekannt. Ich ziehe es vor, meine Websites auf sicheren Systemen (aka Unix/Linux) hosten zu können …