Vito Ouvensen

Vito Ouvensen ist eine eigenartige Figur, kreiert für eine Monstersession im November. Was nur eine kurze Beschreibung werden sollte, geriet nach kurzer Zeit zu einer ganzen Kurzgeschichte. Vito ist eine undurchsichtige Persönlichkeit: Am Tag ein Gaukler, Artist und Jongleur, schleicht er in der Nacht in Häuser und meuchelt Menschen – gegen Geld. Und es gibt immer wieder Personen, die für einen solchen Dienst noch so gerne eine hübsche Summe auslegen, so lange sie aus der Sache bleiben können und sich jemand anderes die Hände schmutzig macht …
Der Regen troff von seinem Umhang, sammelte sich unten am Saum und tropfte schliesslich auf den schlammigen Boden. Vito war erschöpft stehen geblieben. Die Nässe hatte inzwischen auch seinen Umhang durchdrungen. Er fror. Und er hatte Hunger. Aber er durfte nicht stehen bleiben, nicht jetzt. Er tastete nach dem Dolch an seiner Seite, zog ihn aus dem Gürtel und sah ihn an, wischte ihn mit dem nassen Umhang ab. Der Dolch war schon längst wieder sauber, aber noch immer schien es Vito, als würde Blut daran kleben. Er schluckte, um die Tränen nicht wieder hoch kommen zu lassen. Sie waren immer noch hinter ihm her.
Er kann sie sehen, die Büttel und Gardisten, wie sie rennen und suchen, nach Beweisen und Spuren und Opfern und Tätern. Wie verstörte Ameisen rennen sie in der Stadt herum, auf der Suche nach einem Phantom, von dem sie keine Ahnung haben. Sie suchen nach einem Schatten, einem Nichts. Man sollte das Nichts nicht unterschätzen. Einer hat es gemacht. Es ist ihm nicht wohl bekommen.
Er hatte ihn wahrscheinlich gar nicht gesehen. Den kleinen Jungen, der sich im Zimmer versteckt hatte, um seiner Mutter zuzusehen, wie sie dem Bronnjaren des Dorfes aus der Hand las. Der Junge kannte seinen Vater nicht – zumindest nicht genau. Seine Familie war die kleine Gauklertruppe, zu der er und seine Mutter gehörten; diese zog durch die Wälder Bornlands von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, um dort ihre Künste zu zeigen. Schon von klein auf hatte der Junge jonglieren gelernt, klettern, springen, balancieren – man muss es tun, so lange die Knochen noch jung sind, wie ein Äquilibrist der Gruppe meinte. Am liebsten jedoch sah der Junge seiner Mutter zu, wie sie den Leuten aus der Hand las. Es hatte für ihn etwas magisches, das ihn eigentümlich anzog. Er betrachtete oft seine eigenen Handflächen, um zu sehen, ob sich dort sein Leben verstecken würde – doch er konnte nichts sehen. Nur seine Mutter konnte dies. Und es faszinierte ihn. Kein Wunder also, hatte er sich in das Zimmer des Bronnjaren geschlichen, um seiner Mutter zu zusehen, wie sie diesem aus der Hand las. Er konnte schon damals gut klettern.
Er rannte fort, fort von diesem schrecklichen Ort, fort von den Leuten, die einst seine Familie waren. Fort von seinen Häschern, die ihm auf den Fersen waren. Es regnete in Strömen, und irgendwo in seinem Kopf wägte eine Stimme mit einer einer erstaunlichen Kaltblütigkeit ab, ob seine Spuren auf den schlammigen Strassen für seine Verfolger deutlich verewigt blieben, oder im Gegenteil vom Wasser verwischt würden. Er drehte sich um und sah zurück. Er konnte seine Spuren erkennen, aber da waren noch etliche andere: Wagen, Pferde, Hunde, Wildtiere und noch viel mehr Menschen waren hier entlang gegangen. Würde seine Verfolger seine Spuren in diesem Gewirr erkennen können? Oder war es besser, sich in die Büsche zu schlagen? Seine Mutter hatte ihn immer davor gewarnt, von der Strasse abzugehen. Die Wälder Bornlands waren mächtig, und nur zu leicht konnte man sich darin verirren. Er zögerte.
Hier oben fühlt er sich frei. Mit kleinen Schritten und einem leichten Wanken gleicht er den Wind aus, der droht, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er steht in der Mitte des Jahrmarkts auf einem Seil, hoch über den Köpfen der Zuschauer. Mit einem Grinsen holt er aus seiner Gürteltasche drei Bälle hervor und beginnt zu jonglieren. Er hört unter sich die Zuschauer erstaunt keuchen. Doch er lächelt nur und beginnt vor sich hin zu pfeifen.
Die letzten Sonnenstrahlen schienen durch das kleinen Fenster der Hütte, als sich seine Mutter an den Tisch setzte und begann, dem Bronnjaren aus der Hand zu lesen. Der Junge merkte, dass sie zögerte, bevor sie zu sprechen begann. Sie muss etwas geahnt haben. Der Junge konnte es nicht ahnen. Draussen wurde es dunkler, und die volle Madascheibe stieg über den Horizont. Die Hunde des Bronnjaren begannen an ihren Ketten zu zerren and bellten und heulten hinaus in die Weite des Landes. Drinnen entschied der Bronnjar, dass, wenn er schon eine düstere Zukunft vor sich hätte, er sich diese zumindest für diese Nacht mit einer Gauklerin versüssen könnte. Diese Wandernden waren sowieso ehrlos und ihre Frauen Huren. Das wusste jeder. Es wurde eine lange Nacht.
Aus der Ferne hört er Hundegebell. Einen kurzen Moment ist er unaufmerksam – und schon ist es geschehen: ein Ball entgleitet ihm und fällt hinunter zur johlenden Menge unter ihm.
Aus der Ferne hörte er Hundegebell. Er dachte nicht mehr länger an die Warnungen seiner Mutter. Ein Sprung, und er war von der Strasse weg und zwischen den Bäumen verschwunden. Atemlos hastete er weiter, die Kleider schwer vom Regen. Die Äste der Bäume schlugen ihm ins Gesicht, hinterliessen dreckig-schmierige Striemen. Er rannte weiter, blind, der Schmutz und der Schlamm spritzten bis zu seinem Kopf hoch. Er rannte.
Hübsche Geschichte.